Rheinmetall-Chef warnt vor Ausstieg Frankreichs beim Zukunftspanzer

Die Erschütterungswellen nach dem historischen Bruch zwischen Berlin und Paris beim Zukunftskampfjet FCAS haben nun das Fundament des zweiten Megaprojekts der europäischen Verteidigungsarchitektur erreicht. Mit bemerkenswerter Offenheit hat Armin Papperger, der Vorstandsvorsitzende des DAX-Konzerns Rheinmetall, im Gespräch mit der WELT am Sonntag ein Szenario skizziert, das in Berliner Regierungskreisen lange als Tabu galt: den potenziellen Kollaps des Main Ground Combat System (MGCS), des gemeinsamen Nachfolgers für den deutschen Leopard 2 und den französischen Leclerc.
Die von Papperger offengelegten Details zeichnen das Bild eines Projekts, das sich bereits im Zustand der klinischen Agonie befindet. Während Rüstungsvorhaben dieser Dimension in einer geopolitischen Zeitenwende beschleunigt werden müssten, offenbart der Rheinmetall-Chef eine fiskalische und bürokratische Lähmung: In der fast zehnjährigen Laufzeit des MGCS-Programms sind an die vier Kernpartner (Rheinmetall, KNDS Deutschland, KNDS France und Thales) insgesamt erst magere 25 Millionen Euro geflossen. Zum Vergleich: Dies entspricht einem Bruchteil der Summe, die im selben Zeitraum für nationale Modernisierungen aufgewendet wurde.
Die fiskalische Strangulierung durch Paris
Der aktuelle Zündstoff liegt in konkreten Haushaltsplanungen der französischen Regierung. Nach Pappergers Informationen bereitet Paris eine drastische Budgetkürzung vor, die das Gesamtvolumen auf „weniger als die Hälfte“ der bisher veranschlagten Mittel zusammenschrumpfen lassen könnte. Ein finaler Beschluss über das Endbudget existiere schlichtweg nicht.
Die industriellen Konsequenzen einer solchen Kürzung liegen auf der Hand. Sie würde eine massive Reduzierung der technologischen Leistungsanforderungen (Leistungsanteile) erzwingen. Pappergers ökonomische Formel dazu ist prägnant: „Wenn man weniger Geld zur Verfügung hat, wird man nicht schneller, und wir sind jetzt schon sehr langsam.“ Angesichts der Tatsache, dass die Einsatzreife des MGCS ohnehin erst für die 2040er-Jahre prognostiziert wird, droht das Projekt durch die zeitliche Streckung technologisch obsolet zu werden, bevor der erste Serienpanzer vom Band läuft.
Strukturkrise des europäischen Rüstungssektors: Das Staatsbetriebs-Dilemma
Hinter den Budgetfragen verbirgt sich eine tiefe strukturelle Asymmetrie und ein chronisches Misstrauen zwischen den Rüstungsindustrien beider Länder. In Branchenkreisen wird Paris seit Jahren vorgeworfen, das MGCS primär als Vehikel zu nutzen, um deutsches Spitzen-Know-how im Bereich der Kettenfahrzeuge und schweren Waffenanlagen für die eigene Industrie zu absorbieren, um letztlich doch eine nationale französische Lösung zu bauen.
Papperger identifiziert die Ursache für das Scheitern kontinentaler Konsolidierungsbestrebungen in der anhaltenden Verflechtung von Staat und Wirtschaft: „Es wird noch immer sehr national gedacht, zum Schutz von Eigeninteressen.“ Besonders scharf kritisiert er den Einfluss von Regierungen bei Rüstungskonzernen mit Staatsbeteiligung – eine direkte Anspielung auf die Struktur des deutsch-französischen Joint Ventures KNDS, bei dem Frankreich und die Bundesrepublik (nach dem anstehenden Börsengang) signifikante Anteile halten.
Regierungen, so Pappergers Analyse, wollen ihren strategischen Einfluss in Staatsbetrieben sichern und blockieren dadurch marktgetriebene Fusionen. Als börsennotiertes Unternehmen ohne Staatsbeteiligung reklamiert Rheinmetall hier einen entscheidenden Agilitätsvorteil: Große strategische Akquisitionen – wie die geplante Übernahme des maritimen F-126-Fregattenprogramms – könnten in der Düsseldorfer Zentrale bei solider Vorbereitung „binnen einer Stunde“ entschieden werden. Gespräche zwischen Rheinmetall und KNDS über eine europäische Konsolidierung seien primär am Widerstand aus Paris ergebnislos im Sande verlaufen.
Plan B: Der „Leopard 3“ als geoökonomischer Befreiungsschlag
Die geopolitische Pointe dieser Krise liegt darin, dass die deutsche Rüstungsindustrie den potenziellen Bruch des binationalen Vertrags strategisch längst antizipiert hat. Seit gut einem Jahr arbeiten Rheinmetall und KNDS Deutschland autark an einer nationalen Brückenlösung: dem „Leopard 3“.
Dieses System soll bereits Anfang der 2030er-Jahre – und damit exakt zum prognostizierten Auslaufdatum des aktuellen Leopard 2 – einsatzbereit sein. Sollte das MGCS scheitern, verfügt Deutschland über ein marktreifes Exportprodukt der nächsten Generation, während Frankreichs Panzerindustrie vor einem technologischen Vakuum stünde. Das Zeitfenster bis in die 2040er-Jahre sei angesichts der akuten Bedrohungslage in Europa eine „Wahnsinnszeit“, die sich kein Generalstab leisten könne.
Diversifikation zum Rüstungs-Champion
Rheinmetall nutzt die europäische Blockade für eine aggressive Expansion, um sich unabhängig von komplexen multilateralen Großprojekten als defensiver Universalanbieter zu etablieren. Das Düsseldorfer Unternehmen expandiert rasant in die Bereiche Luftfahrt, Marine und Weltraumtechnologie, um das Risiko einer Verzettelung zu minimieren und Skaleneffekte zu maximieren. Das angestrebte Umsatzplus von 40 bis 45 Prozent (ein organisches Wachstum von rund 4,5 Milliarden Euro) für das laufende Geschäftsjahr unterstreicht diese Dynamik.
Teil dieser Strategie ist die verstärkte Kooperation mit angelsächsischen Partnern, die am bürokratischen Apparat Brüssels vorbeigeführt wird. Auf der Luftfahrtausstellung ILA in Berlin forcierte Rheinmetall ein Government-to-Government-Geschäft mit Australien über die bewaffnete Drohne MQ-28 Ghost Bat von Boeing Defence Australia. Bei entsprechenden Stückzahlen soll die Produktion komplett nach Deutschland verlagert werden. Zudem untermauert eine Absichtserklärung mit dem Technologieunternehmen ERC System zur industriellen Skalierung der hybrid-elektrischen Schwerlastdrohne Victor U250 in Nordrhein-Westfalen bis 2029 den Anspruch, die technologische Hoheit auf dem künftigen Gefechtsfeld autonom zu definieren – auch ohne Paris.