Die schwersten Erdstöße seit mehr als 125 Jahren haben große Teile der venezolanischen Karibikküste verwüstet. Rettungskräfte suchen unter schwierigen Bedingungen nach Überlebenden, während internationale Hilfe anlauft.

Einen Tag nach dem schwersten Erdbeben, das Venezuela seit über 125 Jahren getroffen hat, zeichnet sich in der Karibiknation ein zunehmend dramatisches Bild ab. Ein Beben der Stärke 7,2 erschütterte am Mittwochabend die Nordküste des Landes. 39 Sekunden später folgte ein zweites, stärkeres Beben mit der Magnitude 7,5. Beide Epizentren lagen nahe der Ortschaft Yumare im Bundesstaat Yaracuy, rund 160 Kilometer westlich von Caracas. Die Herde lagen in einer Tiefe von jeweils 10 bis 20 Kilometern.
Das reichte aus, um an der Oberfläche verheerende Wirkung zu entfalten. Nach Einschätzung von Geologen war es das stärkste Beben im Land seit dem Erdstoß von San Narciso im Jahr 1900. Damals hatte die Erschütterung die Region um Caracas über weite Strecken verwüstet.
Seismologen bezeichnen ein solches Ereignis als Dublett. Zwei fast identische Beben treffen dabei fast zeitgleich auf benachbarte Bruchzonen. Es ist eine der seltensten Formen seismischer Aktivität überhaupt. Die US Erdbebenwarte USGS stufte beide Erschütterungen mit der höchsten Alarmstufe Rot ein. Diese Stufe deutet auf potenziell katastrophale Verluste an Menschenleben und Infrastruktur hin.
Spürbar waren die Erdstöße bis nach Bogotá und bis ins brasilianische Manaus. Kurzzeitig wurden sogar Tsunamiwarnungen für Puerto Rico und die US Jungferninseln ausgesprochen. Sie sind inzwischen wieder aufgehoben. Angesichts des Ausmaßes rief Präsidentin Delcy Rodríguez den nationalen Notstand aus. Sie sprach von einem Vorfall mit schwerwiegenden Folgen für die gesamte Nation.
Caracas trifft es hart, La Guaira noch härter
In Altamira und Chacao, zwei Vierteln im Osten von Caracas, stürzten mehrere Wohnhäuser ein. Auch ein Hochhaus fiel in sich zusammen. Anwohner beschrieben die Szenen in ihrer Nachbarschaft gegenüber internationalen Medien als Ausnahmezustand. Manche verglichen die Bilder mit einem Katastrophenfilm. Die Gasversorgung im gesamten Großraum wurde vorsorglich gekappt, aus Angst vor Bränden und Explosionen in den beschädigten Leitungen. Noch schwerer wurde die Küstenregion rund um La Guaira getroffen. Allein dort melden lokale Einsatzkräfte mindestens 250 komplett zerstörte oder schwer beschädigte Gebäude.
Fachleute weisen seit Jahren darauf hin, dass venezolanische Gebäude seltener nach modernen Erdbebenstandards gebaut werden. In Regionen wie Japan oder Kalifornien werden strengere Bauvorschriften konsequenter durchgesetzt. Kaum ein Gebäude in den betroffenen Vierteln wurde in den vergangenen Jahrzehnten nachträglich verstärkt. Das gilt Experten zufolge als einer der Gründe, warum die Zahl der eingestürzten Bauten und damit auch die Opferzahl so hoch ausfällt.
Der internationale Flughafen Simón Bolívar erlitt erhebliche Schäden an Terminals und Landebahnen. Der gesamte Flugverkehr musste eingestellt werden. Brücken sind eingestürzt und blockieren seither zentrale Zufahrtsstraßen zu den am schwersten betroffenen Gebieten. Gleichzeitig fiel in weiten Teilen des Nordens das Strom und Mobilfunknetz vollständig aus. Das schneidet Überlebende von jeglicher Kommunikation mit Angehörigen ab. Zugleich erschwert es eine koordinierte Organisation der Hilfe erheblich. Rettungsleitstellen erhalten kaum verlässliche Lageberichte aus den entlegeneren Gebieten.
Suchtrupps im Dauereinsatz: Opferzahlen drohen massiv zu steigen
Allein in den ersten zwei Stunden nach dem Hauptbeben zählte man in Caracas sechs spürbare Nachbeben. Mittlerweile registrieren venezolanische Seismologen bereits mehrere Hundert weitere Erschütterungen. Sie verteilen sich über die Bundesstaaten Yaracuy, Carabobo, Aragua, Miranda und La Guaira. Das bislang stärkste dieser Nachbeben ereignete sich noch am Mittwochabend, nur wenige Stunden nach den beiden Hauptstößen. Innenminister Diosdado Cabello warnte eindringlich vor weiteren kräftigen Nachbeben. Sie könnten bereits geschwächte Gebäude jederzeit endgültig zum Einsturz bringen. Diese Gefahr müssen Rettungskräfte bei ihrer Arbeit in den Trümmerfeldern ständig im Hinterkopf behalten.
Die offizielle Opferbilanz der Regierung meldet derzeit mindestens 188 Tote. Hinzu kommen 971 bestätigte Verletzte. Sie müssen unter improvisierten Bedingungen in den ohnehin überlasteten Krankenhäusern des Landes versorgt werden. Präsidentin Rodríguez forderte sämtliche medizinischen Fachkräfte des Landes auf, sich umgehend im Dienst zu melden. Das gilt unabhängig davon, in welcher Einrichtung sie normalerweise arbeiten.
Wie groß das Chaos vor Ort tatsächlich ist, zeigt sich an den unübersichtlichen Vermisstenmeldungen. Offizielle Stellen sprechen von rund 10000 Vermissten. Eine von Oppositionsvertretern betriebene Suchplattform listet dagegen bereits über 35000 Personen, zu denen der Kontakt abgerissen ist. Die Diskrepanz zwischen beiden Zahlen verdeutlicht, wie schwer es derzeit ist, in dem betroffenen Gebiet überhaupt einen verlässlichen Überblick zu gewinnen.
Die US Erdbebenwarte USGS befürchtet, dass sich das Ausmaß der Katastrophe in den kommenden Tagen noch deutlich verschärfen wird. Grund sind die extrem dichte Besiedlung und die vielerorts fragile Bauweise an den Berghängen. Erste Computermodelle der Behörde kalkulieren mit einer tatsächlichen Opferzahl zwischen 10000 und 100000 Menschen. Ein derart breiter Schätzrahmen ist nach Angaben der Behörde typisch für die ersten Tage nach einem Beben dieser Größenordnung. Belastbare Zahlen aus den zerstörten Gebieten fehlen schlicht noch.
Die Rettungsarbeiten in den Trümmerfeldern gleichen unterdessen einem Wettlauf gegen die Zeit. Schweres Räumgerät kann wegen der zerstörten Brücken vielerorts nicht in die betroffenen Viertel transportiert werden. Deshalb graben Rettungskräfte und Anwohner an zahlreichen Stellen mit bloßen Händen nach den Verschütteten. Das kritische Zeitfenster der ersten 24 bis 48 Stunden nach einem Erdbeben läuft derzeit unaufhaltsam ab. In diesem Zeitraum sind die Überlebenschancen Verschütteter erfahrungsgemäß am höchsten. Das erhöht den Druck auf die im Einsatz befindlichen Teams zusätzlich.
Internationale Luftbrücke wird über Nachbarländer organisiert
Da der Hauptstadtflughafen blockiert ist, läuft die internationale Hilfe unter extremen logistischen Hürden an. Die USA haben ein Soforthilfepaket von 150 Millionen Dollar angekündigt. Ein Großteil davon soll humanitären Fonds der Vereinten Nationen sowie vor Ort aktiven Organisationen wie World Vision zufließen. Zudem bereiten amerikanische Behörden spezialisierte Such und Rettungsteams vor. Sie sollen in den kommenden Tagen ins Land gebracht werden.
Aus Europa fliegen Transportflugzeuge vom Typ A400M der deutschen Bundeswehr. An Bord sind Hilfsgüter und Experten des Technischen Hilfswerks. Auch mehrere südamerikanische Nachbarstaaten haben Unterstützung zugesagt, darunter Kolumbien und Brasilien. Die logistische Abwicklung der Hilfsgüter und Rettungshunde muss vorerst über die Flughäfen dieser Nachbarländer koordiniert werden. Der direkte Weg nach Venezuela bleibt derzeit versperrt.
Organisationen wie das Rote Kreuz und Unicef versuchen unterdessen unter Hochdruck, sauberes Trinkwasser und Notunterkünfte bereitzustellen. Hunderttausende Menschen haben ihre Unterkünfte verloren. Viele von ihnen verbringen die Nächte aus Angst vor weiteren Erschütterungen im Freien. Manche campieren auf öffentlichen Plätzen wie der Plaza de la Candelaria mitten in Caracas, wo improvisierte Lager mit Decken und Planen entstanden sind. Wie lange sich diese provisorische Versorgung aufrechterhalten lässt, bleibt angesichts der unklaren Gesamtzahl der Betroffenen vorerst offen.