Mehr als drei Wochen nach den schweren Erdbeben dauern die Rettungsarbeiten und Wiederaufbauarbeiten an. Die Europäische Union erhöht ihre Unterstützung und warnt vor einer langfristigen humanitären Krise.

Mehr als drei Wochen nach dem Erdbeben in Venezuela ist von akuter Rettung längst keine Rede mehr, dafür umso mehr von nacktem Überleben. Am 16. Juli nannte Jorge Rodríguez, der Präsident der Nationalversammlung, die aktuelle Bilanz. 4829 Menschen sind demnach bestätigt tot, 16740 verletzt, weitere 17907 haben kein Zuhause mehr und hausen in Notlagern oder bei Verwandten. Weil Rettungsteams entlegene Regionen erst nach und nach erreichen, rechnet die Regierung mit weiteren Korrekturen nach oben.
Zwei Beben binnen 39 Sekunden
Am Abend des 24. Juni, kurz nach 18 Uhr Ortszeit, erschütterte zunächst ein Beben der Stärke 7,2 den Nordwesten des Landes, gefolgt von einem zweiten mit einer Stärke von 7,5, nur 39 Sekunden später. Seismologen sprechen von einem sogenannten Erdbebendublett, bei dem zwei fast identische Erschütterungen kurz hintereinander auftreten, wahrscheinlich weil das erste Beben das zweite ausgelöst hat. Die Epizentren lagen im Gebiet von Veroes im Bundesstaat Yaracuy, rund 160 Kilometer westlich von Caracas. Es war das stärkste Beben, das Venezuela seit dem Jahr 1900 getroffen hat.
Am schwersten traf es den Küstenstaat La Guaira, wo nach ersten Erhebungen rund 80 Prozent der Gebäude einstürzten oder unbewohnbar wurden. Auch in Caracas und in weiten Teilen der Küstenregion westlich der Hauptstadt brachen zahllose Wohnhäuser, Schulen, Krankenhäuser und Behördengebäude zusammen. Fachleute machen dafür neben der schieren Wucht der Natur vor allem jahrzehntelang vernachlässigte Bausubstanz und ein marodes Versorgungsnetz verantwortlich, Folgen der langen wirtschaftlichen Krise des Landes.
Schon in den ersten Stunden hatte die amerikanische Geologiebehörde USGS mit ihrem Schnellbewertungssystem PAGER gewarnt, dass die Opferzahl am Ende deutlich höher liegen könnte als die damals gemeldeten rund 164 Toten, im ungünstigsten Fall über 10000. Diese Prognose hat sich, wenn auch langsamer als befürchtet, bislang eher bestätigt als widerlegt.

Erschwert wurde die Lageeinschätzung in den ersten Tagen zusätzlich dadurch, dass Venezuela zu den Ländern mit den strengsten Internetbeschränkungen weltweit zählt. Nach Angaben von Beobachtern waren zum Zeitpunkt des Bebens mehr als 200 Websites im Land gesperrt, darunter venezolanische wie internationale Nachrichtenseiten, soziale Netzwerke und Werkzeuge zur Umgehung solcher Sperren. Erst nachdem die unabhängige UN Untersuchungsmission zu Venezuela die Behörden aufgefordert hatte, den vollen Zugang zu sozialen Netzwerken und Medien wiederherzustellen, wurde die Sperre der Plattform X teilweise gelockert. Für viele Angehörige im In und Ausland war genau dieser Zugang in den chaotischen ersten Tagen entscheidend, um überhaupt nach Vermissten suchen zu können.
Von der Rettung zum langen Überleben
Die Phase der akuten Menschenrettung ist inzwischen vorbei. Helfer vor Ort berichten stattdessen von chronischem Mangel, an sauberem Trinkwasser, an Nahrung, an Medikamenten, an sicheren Unterkünften. Hinzu kommt die psychische Belastung der Überlebenden, die in vielen Berichten kaum weniger Raum einnimmt als die materielle Not.
Die UN bezifferten die Zahl der Menschen mit dringendem Hilfsbedarf zunächst auf 1,8 Millionen, darunter laut Kinderhilfswerk UNICEF rund 680000 Kinder. Bis Mitte Juli sprach die UN dann von etwa 1,3 Millionen Menschen, die aktuell sofortige Unterstützung benötigen, ein Hinweis darauf, dass sich der Kreis der akut Betroffenen inzwischen zwar eingegrenzt, aber keineswegs geschlossen hat.
Die EU erhöht ihre Hilfe schrittweise
Aus Brüssel kam Unterstützung von der ersten Stunde an. Schon am Tag nach dem Beben hatte EU Kommissarin Hadja Lahbib über X ihr Beileid ausgesprochen und Nothilfe in Aussicht gestellt, damals war offiziell noch von 164 Toten die Rede. Wenige Tage später hatte die EU über ihren Katastrophenschutzmechanismus bereits mehr als 520 Rettungskräfte aus Tschechien, Spanien, Italien, Frankreich, Deutschland, Portugal und den Niederlanden koordiniert, dazu medizinisches Personal aus Italien und Kommunikationstechnik aus Luxemburg. Ende Juni folgte eine erste Soforthilfe von 5 Millionen Euro, mitgetragen von inzwischen 14 EU Mitgliedstaaten.
Am 15. Juli legte die Kommission nach und kündigte weitere 20 Millionen Euro an, aufgeteilt in zwei gleich große Tranchen. Die eine Hälfte ist für Rettungs, Bergungs und medizinische Teams sowie technische Ausrüstung vorgesehen, die andere für die direkte Verteilung von Nahrungsmitteln, Trinkwasser und Medikamenten an betroffene Familien. Zusammen mit den 52 Millionen Euro, die Brüssel bereits zu Jahresbeginn für die anhaltende sozioökonomische Krise Venezuelas bereitgestellt hatte, und den ersten 5 Millionen Euro Soforthilfe summiert sich die europäische Unterstützung damit inzwischen auf deutlich über 75 Millionen Euro allein für dieses Jahr.

Über die sogenannte humanitäre Luftbrücke der EU sind mittlerweile zwei eigens finanzierte Flüge mit knapp 80 Tonnen Hilfsgütern in Venezuela gelandet. Für die Planung der Einsätze und den späteren Wiederaufbau liefert zudem das europäische Erdbeobachtungssystem Copernicus fortlaufend aktuelle Satellitenkarten der betroffenen Gebiete.
Kommissarin Lahbib reiste zur Ankündigung der neuen Mittel selbst nach Caracas, traf dort Regierungsvertreter, lokale Behörden und Hilfsorganisationen und besuchte eines der über den EU Katastrophenschutzmechanismus entsandten medizinischen Teams. Sie machte deutlich, dass die neuen Gelder vor allem jenen Familien helfen sollen, die durch das Beben buchstäblich alles verloren haben.
Venezuela steckt schon seit Jahren in einer tiefen politischen und wirtschaftlichen Krise, lange bevor die Erde bebte. Kliniken fehlt es chronisch am Nötigsten, staatliche Rettungsdienste arbeiten oft nur eingeschränkt. Genau in diese ohnehin geschwächte Struktur trifft das Erdbeben nun mit doppelter Härte. Fachleute sind sich weitgehend einig, dass der Wiederaufbau der zerstörten Regionen Jahre dauern wird und Venezuela auf absehbare Zeit auf internationale Hilfe angewiesen bleibt, unabhängig davon, wie hoch die endgültige Zahl der Todesopfer am Ende tatsächlich ausfällt.