Apple wirft OpenAI vor, ehemalige Mitarbeiter gezielt angeworben und vertrauliche Unternehmensdaten für den Aufbau eines eigenen Hardwaregeschäfts genutzt zu haben

Vor zwei Jahren existierte zwischen Apple und OpenAI noch eine enge Partnerschaft. Beide Unternehmen präsentierten die Integration von ChatGPT in das Apple Ökosystem als wegweisenden Schritt für die Zukunft künstlicher Intelligenz auf Smartphones, Tablets und Computern. Diese kooperative Phase gehört der Vergangenheit an. Apple wirft dem ChatGPT Entwickler in einer umfassenden Klage vor einem Bundesgericht in Kalifornien vor, systematisch Geschäftsgeheimnisse entwendet zu haben, um den Aufbau eines eigenen Hardwaregeschäfts voranzutreiben.
Zwei ehemalige Apple Mitarbeiter, die inzwischen für OpenAI tätig sind, stehen im Zentrum der rechtlichen Vorwürfe. Nach Darstellung des iPhone Herstellers gaben sie vertrauliche Informationen über Lieferketten, Hardwareentwicklung und interne Produktprojekte an ihren neuen Arbeitgeber weiter. Apple behauptet, OpenAI habe diese Fachkräfte gezielt abgeworben und sie dazu ermutigt, vertrauliche Unterlagen sowie technische Daten mitzubringen. In der Klageschrift wird von einem koordinierten Vorgehen gesprochen, das bis in die Führungsebene von OpenAI reichte.
Schwer wiegt insbesondere die Anschuldigung gegen Tang Tan, den heutigen Hardwarechef bei OpenAI. Er war während seiner mehr als zwanzigjährigen Laufbahn bei Apple maßgeblich an der Entwicklung des iPhones und der Apple Watch beteiligt. Apple wirft ihm vor, bereits vor seinem Ausscheiden interne Informationen über Zulieferer und Produktionspartner gesammelt und an private Konten übermittelt zu haben. Das Unternehmen gibt an, er habe zudem noch bei Apple beschäftigte Bewerber aufgefordert, physische Bauteile und vertrauliche Materialien zu Vorstellungsgesprächen bei OpenAI mitzubringen.
Der ehemalige Apple Ingenieur Chang Liu wird in der Klageschrift ebenfalls namentlich aufgeführt. Apple erklärt, Liu habe seinen Dienstlaptop nach dem Ausscheiden zunächst einbehalten und im Anschluss eine Sicherheitslücke ausgenutzt, um erneut auf interne Systeme zuzugreifen. Auf diesem Weg wurden zahlreiche vertrauliche Dateien aus der Hardwareentwicklung heruntergeladen. Nach Auffassung des Konzerns belegen diese Vorgänge ein systematisches Handeln, das der Entwicklung neuer Produkte bei OpenAI dienen sollte.
OpenAI weist sämtliche Anschuldigungen zurück. Das Unternehmen erklärte, man besitze keinerlei Interesse an Geschäftsgeheimnissen anderer Firmen und konzentriere mich auf die Entwicklung eigener innovativer Technologien. Die Klageschrift werde geprüft. Es bleibt abzuwarten, ob OpenAI den Vorwürfen lediglich mit einer Verteidigung vor Gericht begegnet oder eigene Gegenforderungen erhebt.
Der Moment der Klageerhebung zieht Aufmerksamkeit auf sich. Apple stellte vor wenigen Wochen eine umfassend überarbeitete Version seines Sprachassistenten Siri vor. Der neue KI Teil basiert entgegen den Erwartungen vieler Beobachter nicht auf ChatGPT, sondern auf dem Sprachmodell Gemini von Google. Die Beziehung zwischen Apple und OpenAI hatte sich bereits zu diesem Zeitpunkt merklich abgekühlt. Die eingereichte Klage untermauert, dass sich aus der strategischen Partnerschaft ein offener Konkurrenzkampf entwickelt hat.
Die Hardwarestrategie von OpenAI gilt als wesentlicher Treiber dieser Entwicklung. Das Unternehmen beschränkte sich lange Zeit auf Software und große Sprachmodelle. Diese Ausrichtung änderte sich grundlegend mit der milliardenschweren Übernahme des Unternehmens io Products, das vom früheren Apple Chefdesigner Jony Ive gegründet wurde. OpenAI signalisierte damit die Absicht, künftig eigene Endgeräte zu entwickeln. Die genaue Form dieser Produkte wurde bisher nicht öffentlich dargelegt. Das Unternehmen äußert lediglich die Absicht, eine neue Art der Interaktion mit künstlicher Intelligenz zu schaffen, die über Smartphones und klassische Computer hinausreicht.
Dieser Strategiewechsel liefert die Erklärung dafür, warum Apple den Fall mit bemerkenswerter Härte verfolgt. Der Konzern sieht in OpenAI keinen reinen Softwarepartner mehr, sondern einen potenziellen Konkurrenten im Kerngeschäft. Ein von OpenAI entwickeltes KI Gerät würde unmittelbar mit dem iPhone, dem iPad und anderen Apple Produkten konkurrieren. Vertrauliche Informationen über Hardwareentwicklung, Lieferketten und Fertigungsprozesse gewinnen aus der Sicht von Apple dadurch massiv an wirtschaftlichem Wert.
Für OpenAI geht es um mehr als mögliche Schadenersatzforderungen. Das Unternehmen investiert erhebliche Milliardenbeträge in den Ausbau seiner Produktpalette und versucht den Wandel von einem Anbieter großer Sprachmodelle zu einem umfassenden Technologieunternehmen. Hardware stellt dabei einen entscheidenden Baustein dar. Falls das Gericht feststellt, dass zentrale Entwicklungsarbeiten auf unrechtmäßig erlangten Informationen basieren, könnten einzelne Projekte verzögert oder gestoppt werden. Apple fordert neben finanziellem Schadenersatz eine gerichtliche Anordnung, die OpenAI die Nutzung der beanstandeten Informationen untersagt.
Klassische Hardwarehersteller dominierten vor wenigen Jahren den Markt für digitale Endgeräte. Der Wettbewerb verlagert sich gegenwärtig auf die Ebene künstlicher Intelligenz. Ursprünglich auf Software spezialisierte Unternehmen investieren Milliarden in eigene Geräte, während Hardwarekonzerne ihre KI Fähigkeiten massiv ausbauen. Die Grenzen zwischen beiden Geschäftsmodellen schwinden.
Es bleibt offen, ob Apple seine Vorwürfe vor Gericht beweisen kann. Das Verfahren wird sich voraussichtlich über Monate oder Jahre hinziehen. Dieser Rechtsstreit reicht weit über die beiden Parteien hinaus. Er entscheidet darüber mit, welche Regeln künftig für den Umgang mit geistigem Eigentum, Mitarbeiterwechseln und technologischem Wissen in der KI Industrie gelten. Der Wettbewerb um die nächste Generation intelligenter Geräte verschärft sich weiter, sodass der Kampf um Marktanteile nicht mehr nur auf dem Markt, sondern verstärkt in den Gerichtssälen des Silicon Valley stattfindet.