Die Europäische Zentralbank reagiert auf den erneuten Inflationsdruck mit einer Zinserhöhung, nachdem der Krieg im Nahen Osten die Energiepreise steigen ließ und die wirtschaftliche Erholung im Euroraum ausbremste.
Der Krieg im Nahen Osten hat die Rechnung der europäischen Geldpolitik verändert. Noch im Frühjahr hatte vieles auf eine Pause bei den Zinsen hingedeutet. Dann eskalierte der Konflikt, die Ölpreise sprangen nach oben, und plötzlich stand der EZB-Rat vor einem vertrauten Problem in neuem Gewand. Am 11. Juni entschied er sich für eine Anhebung der Leitzinsen um 25 Basispunkte. Seit dem 17. Juni liegt der Einlagensatz bei 2,25 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,40 Prozent, der Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,65 Prozent.
Christine Lagarde und ihre Kollegen begründeten den Schritt mit dem Inflationsdruck, der sich seit dem Kriegsausbruch aufgebaut hat. Die Zahlen geben ihnen recht. Im Mai kletterte die Teuerung im Euroraum auf 3,2 Prozent, nach 3,0 Prozent im April. Das ist mehr als das Doppelte des 2 Prozent Ziels, das die Notenbank seit Jahren predigt.

Wer die Ursache sucht, landet schnell bei den Tankstellen und Gasrechnungen. Energie verteuerte sich binnen eines Jahres um 10,9 Prozent. Doch es ist nicht nur der Sprit. Auch abseits der Energiepreise zieht die Teuerung an. Die Kerninflation, also die Rate ohne Energie und Lebensmittel, stieg von 2,2 auf 2,5 Prozent. Besonders auffällig fiel der Sprung bei Dienstleistungen aus, von 3,0 auf 3,5 Prozent, während Industriegüter mit 0,9 Prozent kaum ins Gewicht fielen. Nur bei Lebensmitteln gab es Entlastung. Ihre Preise wuchsen mit 2,0 Prozent langsamer als noch im April.
Energiepreise treiben die Inflation erneut an
Die Erfahrung aus den Jahren 2022 und 2023 wirkt dabei wie ein Schatten über der aktuellen Debatte. Damals hatte eine Energiekrise die Inflation über acht Prozent getrieben, bevor sie sich mühsam wieder dem Zielwert näherte. Bis Ende 2025 schien dieses Kapitel abgeschlossen. Seit dem Frühjahr 2026 kehrt die alte Dynamik zurück, wenn auch bislang in gemäßigterer Form.
Die Fachleute des Eurosystems rechnen nun für das laufende Jahr im Schnitt mit 3,0 Prozent Inflation. Erst 2027 soll die Rate auf 2,3 Prozent sinken, 2028 dann auf 2,0 Prozent. Gegenüber der Prognose vom März wurden beide Jahre nach oben korrigiert. Die Notenbank verweist dabei auf einen höher erwarteten Energiepreispfad, der sich mit der Zeit auch auf Lebensmittel, Industriegüter und Dienstleistungen durchschlagen dürfte.
Konjunktur verliert deutlich an Dynamik
Während die Preise steigen, verliert die Konjunktur an Schwung. Das reale Bruttoinlandsprodukt des Euroraums schrumpfte im ersten Quartal um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Klammert man die notorisch schwankungsanfälligen irischen Daten aus, bleibt immerhin ein mageres Plus von 0,3 Prozent übrig, nach 0,4 Prozent im Schlussquartal 2025. Privater und öffentlicher Konsum wuchsen langsamer, die Investitionen gingen sogar zurück.

Für Ökonomen ist das ein bekanntes Muster in ungewohnter Kombination. Normalerweise bremst eine schwache Konjunktur die Preise. Diesmal treibt der externe Schock beides gleichzeitig, die Inflation nach oben und das Wachstum nach unten. Für 2026 erwartet das Eurosystem nun ein Wachstum von nur noch 0,8 Prozent, 2027 dann 1,2 Prozent und 2028 schließlich 1,5 Prozent. Auch hier wurden die ersten beiden Jahre gegenüber März nach unten korrigiert, mit Verweis auf die Folgen des Krieges für Rohstoffmärkte, Realeinkommen und Verbrauchervertrauen.
Wer durch die Innenstädte des Euroraums geht, spürt diese Stimmung längst. Der Einkaufsmanagerindex, ein vielbeachteter Frühindikator für die Wirtschaftsaktivität, fiel zwischen Februar und Mai von 51,9 auf 48,6 Punkte und rutschte damit den zweiten Monat in Folge unter die Wachstumsschwelle. Am stärksten traf es den Dienstleistungssektor, der lange als Stütze der Konjunktur galt. Immerhin hält sich der Arbeitsmarkt bislang wacker. Die Arbeitslosenquote lag im März und April bei 6,3 Prozent und damit nahe ihrem historischen Tiefstand, auch wenn sich das Beschäftigungswachstum spürbar verlangsamt hat.
Hohe Finanzierungskosten bremsen Investitionen
Auch für Kreditnehmer bleibt die Lage angespannt. Die Bankzinsen für Unternehmen und private Haushalte waren seit 2022 kräftig gestiegen und haben sich zuletzt zwar leicht zurückgebildet, bewegen sich aber immer noch deutlich über dem Niveau vor der Zinswende. Im April kosteten Unternehmenskredite im Schnitt 3,6 Prozent, Hypotheken 3,4 Prozent. Trotzdem lassen sich Firmen und Haushalte nicht abschrecken. Die Kreditvergabe an Unternehmen wuchs im April um 3,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr, nach 3,2 Prozent im März, während die Hypothekarkredite stabil mit 3,0 Prozent zulegten.

Am Devisenmarkt zeigt sich unterdessen ein zerrissenes Bild. Gegenüber manchen Handelswährungen wertete der Euro seit Kriegsbeginn kräftig auf, gegenüber anderen gab er nach. Der breit gefasste effektive Wechselkurs des Euro, der die Bewegungen gegenüber 40 wichtigen Handelspartnern bündelt, blieb dabei vergleichsweise ruhig, ein Zeichen dafür, dass sich die Ausschläge gegenüber Einzelwährungen zu einem großen Teil gegenseitig aufheben.

International sieht es kaum anders aus. Die Verbraucherpreise in den OECD-Staaten ohne die Türkei zogen von März auf April von 3,3 auf 3,5 Prozent an, nachdem sie sich zuvor über weite Strecken des Jahres 2025 dem Zielniveau angenähert hatten. Der Krieg im Nahen Osten wirkt damit nicht nur in Europa, sondern entlang der gesamten globalen Lieferkette.

Der EZB-Rat lässt sich von alledem offiziell nicht in einen festen Kurs drängen. Er wolle von Sitzung zu Sitzung entscheiden und sich dabei an den eingehenden Daten orientieren, hieß es nach dem Beschluss vom 11. Juni. Eine Vorfestlegung auf weitere Zinsschritte gebe es nicht. Die Risiken für die Inflation sieht die Notenbank nach oben gerichtet, jene für das Wachstum nach unten. Wie tief die Spuren des Krieges am Ende reichen, hängt nach ihrer eigenen Einschätzung vor allem von einer Frage ab, wie lange der Konflikt noch andauert.