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EZB vor Zinsentscheidung im Juli 2026: Ölpreisschock, Iran Krieg und Inflationsrisiken stellen Europas Geldpolitik vor ein neues Dilemma

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Bundesbank Präsident Joachim Nagel warnt vor anhaltenden Energiepreisrisiken, während EZB Ratsmitglied Martin Kocher trotz geopolitischer Unsicherheit keine unmittelbare Zinserhöhung fordert
Foto des Hauptgebäudes der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt, Deutschland © European Central Bank / Bernd Hartung

Der Rat der Europäischen Zentralbank tritt am 23. Juli 2026 zu seiner nächsten Zinssitzung zusammen, wenige Wochen nachdem er im Juni erstmals seit 2023 wieder an der Zinsschraube gedreht hatte. Nach sieben aufeinanderfolgenden Sitzungen ohne Änderung hatte der Rat am 11. Juni alle drei Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte angehoben. Der Einlagensatz liegt seither bei 2,25 Prozent, der Hauptrefinanzierungssatz bei 2,40 Prozent und der Spitzenrefinanzierungssatz bei 2,65 Prozent.

Begründet wurde der Schritt mit dem Inflationsdruck durch den seit dem 28. Februar 2026 andauernden Krieg zwischen den USA und Iran und den dadurch gestiegenen Energiepreisen. Für die Sitzung am 23. Juli preisen die Terminmärkte nach aktuellem Stand überwiegend einen unveränderten Zins ein, die Entscheidung wird um 14 Uhr 15 mitteleuropäischer Zeit bekanntgegeben, die anschließende Pressekonferenz von EZB Präsidentin Christine Lagarde beginnt um 14 Uhr 45.

Ölpreis schwankt zwischen Deeskalation und neuer Eskalation

Die Entwicklung der vergangenen Wochen zeigt, wie unmittelbar geopolitische Ereignisse derzeit auf die Ölmärkte durchschlagen. Kurz nach der Zinsentscheidung im Juni unterzeichneten die USA und Iran eine Rahmenvereinbarung zur Beendigung der Kampfhandlungen, woraufhin der Ölpreis der Sorte Brent von mehr als 95 Dollar je Barrel auf rund 86 Dollar fiel.

Die Entspannung hielt jedoch nur wenige Tage. Iranische Kräfte beschossen daraufhin Schiffe in der Straße von Hormus, US Präsident Donald Trump erklärte die Vereinbarung anschließend für gescheitert, seither steigt der Ölpreis erneut. Mitte Juli notierte Brent wieder bei rund 88 Dollar je Barrel. Über die Straße von Hormus wird ein erheblicher Teil des weltweiten Ölhandels abgewickelt, jede neue Eskalation an dieser Wasserstraße wirkt sich deshalb unmittelbar auf die globalen Energiepreise aus.

Inflation im Euroraum sinkt trotz Energiepreisdruck weiter

Trotz der angespannten Lage im Nahen Osten ist die Inflation im Euroraum zuletzt zurückgegangen. Nach einer ersten Schätzung von Eurostat lag die jährliche Teuerungsrate im Juni 2026 bei 2,8 Prozent, nach 3,2 Prozent im Mai. Damit erreichte die Inflation den niedrigsten Stand seit Februar, also seit dem Beginn des Iran Kriegs.

Die Energiepreise stiegen im Juni um 8,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr, nach 10,8 Prozent im Mai, blieben damit aber weiterhin der wichtigste Preistreiber. Dienstleistungen verteuerten sich um 3,2 Prozent, Nahrungs und Genussmittel um 1,6 Prozent. Die Kernrate ohne Energie und unverarbeitete Nahrungsmittel lag bei 2,2 Prozent.

Innerhalb der Eurozone bestehen weiterhin deutliche Unterschiede, während Deutschland mit 2,3 Prozent leicht unter dem Durchschnitt lag, verzeichnete Spanien 3,2 Prozent und Frankreich rund 2 Prozent. In Deutschland selbst sank der Verbraucherpreisindex gegenüber Mai sogar um 0,3 Prozent, vor allem weil Kraftstoffpreise binnen Monatsfrist um 5,8 Prozent nachgaben.

Für die geldpolitische Bewertung ist entscheidend, dass die Fachleute des Eurosystems im Rahmen der Zinsentscheidung vom Juni ihre Projektionen nach oben angepasst hatten. Im Basisszenario gehen sie für das Gesamtjahr 2026 von einer durchschnittlichen Inflation von 3,0 Prozent aus, für 2027 von 2,3 Prozent und für 2028 von 2,0 Prozent. Die aktuellen Junidaten liegen damit zwar unterhalb dieser Jahresdurchschnittsprognose, dennoch halten mehrere Ratsmitglieder an ihrer vorsichtigen Haltung fest.

Positionen im EZB Rat bleiben uneinheitlich

Innerhalb des Rates zeichnet sich vor der Sitzung keine einheitliche Linie ab.

Bundesbank Präsident Joachim Nagel erklärte vor der Sitzung, dass die aktuellen Leitzinsen weiterhin auf einem angemessenen Niveau lägen. Eine sofortige weitere Zinserhöhung sei aus seiner Sicht nicht notwendig. Gleichzeitig betonte er jedoch, dass die Zentralbank angesichts der hohen Unsicherheit wachsam bleiben müsse.

“Es bleibt aus geldpolitischer Sicht angeraten, mit Vorsicht zu reagieren, falls jedoch notwendig, entschieden zu agieren”, erklärte Nagel. Die Energiepreise seien weiterhin ein entscheidender Faktor für die Inflationsentwicklung.

Entscheidend sei aus seiner Perspektive vor allem, ob sich sogenannte Zweitrundeneffekte zeigten, also ob Unternehmen und Beschäftigte dauerhaft höhere Preise und Löhne durchsetzten. Auch der Chefvolkswirt der EZB, Philip Lane, rechnet nach eigenen Angaben weiterhin mit einer erhöhten Inflation und warnt vor einer zu schnellen Lockerung der Geldpolitik.

Auch Martin Kocher, Gouverneur der Österreichischen Nationalbank und Mitglied des EZB Rats, spricht sich derzeit gegen eine automatische weitere Zinserhöhung aus.

In einem Interview mit der Börsen Zeitung erklärte Kocher, dass die EZB aktuell besonders auf indirekte Preiseffekte des Nahostkonflikts und mögliche Zweitrundeneffekte achte. Nach seiner Einschätzung seien solche Effekte bislang jedoch nicht erkennbar.

“Wir sehen aktuell keine Zweitrundeneffekte, müssen unsere Geldpolitik jedoch auch an den Inflationserwartungen ausrichten.”, sagte Kocher.

Der österreichische Notenbankchef betonte gleichzeitig, dass die EZB jederzeit bereit sei, geldpolitische Maßnahmen einzusetzen, falls sich die Inflationslage verschlechtern sollte.

“Wir sind jederzeit bereit, geldpolitische Maßnahmen einzusetzen, sollte das nötig sein.”, damit vertritt Kocher eine Position zwischen den beiden klassischen Lagern innerhalb der EZB. Einerseits sieht er weiterhin Inflationsrisiken, andererseits erkennt er keine unmittelbare Notwendigkeit für eine aggressive Reaktion.

Lagarde selbst hatte beim EZB Forum in Portugal eine vergleichsweise ruhige Tonlage gewählt und erklärt, die aktuelle Lage erfordere weniger Kampf gegen die Inflation als die turbulenten Jahre 2022 und 2023.

Schwache Konjunktur erschwert die Entscheidung zusätzlich

Erschwerend kommt für den EZB Rat hinzu, dass sich die Konjunktur im Euroraum weiterhin schwach zeigt. Das Bruttoinlandsprodukt der Eurozone war im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorquartal um 0,2 Prozent rückläufig, im Jahresvergleich stand ein saisonbereinigtes Plus von lediglich 0,3 Prozent zu Buche.

Ein wesentlicher Grund dafür war ein Einbruch der irischen Pharmaexporte, insgesamt zeigt sich die Konjunktur im Euroraum aber auch unabhängig davon wenig robust. Nach Einschätzung mehrerer Ratsmitglieder rechnet die Bundesbank selbst erst für das Jahr 2028 wieder mit spürbarem Wachstum.

Zusätzliche Bedeutung erhalten in diesem Umfeld die Tarifverhandlungen in mehreren Euroländern, die traditionell im Herbst stattfinden, an ihnen wird sich zeigen, ob der aktuelle Energiepreisschock auch auf die Lohnentwicklung durchschlägt.

Neben Öl und Gas beobachtet die EZB zunehmend auch andere mögliche Preistreiber. Dazu zählen die Auswirkungen extremer Wetterereignisse auf die landwirtschaftliche Produktion und mögliche Engpässe bei Düngemitteln, deren Effekt auf die Inflation schwerer einzuschätzen ist als bei klassischen Energiepreisen.

Parallel dazu treibt die Zentralbank das langfristige Projekt des digitalen Euro voran, der als zusätzliche Infrastruktur für den europäischen Zahlungsverkehr dienen und insbesondere in Ländern mit hoher Bargeldnutzung wie Deutschland oder Österreich eine ergänzende Rolle spielen soll.

Die Sitzung am 23. Juli als Test für die neue Zinslinie

Die Ausgangslage für die Sitzung am 23. Juli unterscheidet sich damit deutlich von jener im Juni. Während die Zinserhöhung damals vor allem mit dem befürchteten Inflationsdruck durch den neu entflammten Nahostkonflikt begründet wurde, ist die aktuelle Inflationsrate inzwischen wieder gesunken, während sich der Ölpreis nach der kurzen Entspannung erneut der Marke von 90 Dollar nähert.

Der EZB Rat steht damit vor der Frage, ob er an seiner im Juni eingeleiteten strafferen Linie festhält oder ob die rückläufigen Inflationsdaten für eine erneute Zinspause sprechen. Nach aktuellem Stand der Terminmärkte gilt Letzteres als wahrscheinlicher, ausgeschlossen ist eine weitere Zinsanhebung im weiteren Jahresverlauf nach Einschätzung von Marktbeobachtern jedoch nicht.

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