Kazuo Uedas Abwesenheit vor historischem Zinsschritt auf 1 Prozent belastet die Kommunikation

Die plötzliche Krankenhauseinweisung des Gouverneurs der Bank of Japan (BoJ), Kazuo Ueda, stellt die Zentralbank vor eine schwere kommunikative Herausforderung. Unmittelbar vor einer geldpolitischen Entscheidung, bei der kleinste Nuancen massive Auswirkungen auf den Yen und den Anleihemarkt haben könnten, muss die Notenbank ohne ihren Chef auskommen.
Trotz des Ausfalls erwarten Marktteilnehmer weiterhin mit überwältigender Mehrheit, dass der geldpolitische Ausschuss der BoJ am kommenden Dienstag den Leitzins um 25 Basispunkte auf die historische Marke von 1,0 Prozent anheben wird. Der 74-jährige Ueda wird jedoch die anschließende Pressekonferenz nicht leiten können. Seine Vertretung übernimmt der als taubenhaft geltende Vize-Gouverneur Shinichi Uchida.
Da eine Zinserhöhung an den Märkten bereits weitgehend eingepreist ist, bestehe die wichtigste Aufgabe der Notenbank nun darin, den künftigen Zinspfad klar zu signalisieren, erklärte Frederic Neumann, Asien-Chefökonom bei der HSBC.
„Sollte bei den BoJ-Vertretern der Eindruck einer taubenhaften Tendenz entstehen, könnte dies den Yen und die Renditen von Staatsanleihen erneut unter Druck setzen“, so Neumann. „Ein falkenhaftes Signal hingegen würde dazu beitragen, die Erwartungen am Devisen- und Anleihemarkt zu verankern.“
Ueda wurde wegen einer Infektion einer Leberzyste stationär aufgenommen und wird voraussichtlich zwei Wochen im Krankenhaus verbringen. Er kann daher weder an der Sitzung teilnehmen noch seine Stimme abgeben.
Der Yen im Tiefflug
Der Zeitpunkt für den Ausfall könnte kaum unglücklicher sein. Die BoJ sah sich bereits zuvor Vorwürfen ausgesetzt, hinter die Kurve zu geraten (falling behind the curve). Händler betonen, dass der Yen so lange auf einem historisch schwachen Niveau verharren dürfte, bis der Markt die Gewissheit hat, dass die geldpolitische Straffung nicht zu langsam oder zu vorsichtig erfolgt.
Im Handel in Tokio fiel der Yen gegenüber dem US-Dollar auf den niedrigsten Stand seit fast zwei Jahren. Mit 160,5 Yen pro Dollar war die Währung noch schwächer als im April, als die japanischen Behörden mit massiven Devisenmarktinterventionen stützend eingreifen mussten.
Zusätzliche Nervosität entsteht durch Befürchtungen, die Regierung von Premierministerin Sanae Takaichi, die für höhere Staatsausgaben eintritt, könnte Druck auf die Zentralbank ausüben, die Zinsen niedrig zu halten.
Ein Meilenstein der Geldpolitik seit 1995
Die geplante Anhebung des Leitzinses auf 1 Prozent gilt als geldpolitischer Meilenstein. Es ist ein Niveau, das der BoJ seit 1995 nicht mehr gelungen ist, und markiert das Ende von Jahrzehnten ultraniedriger Zinsen, Deflation und stagnierender Löhne. Doch die Inflation kehrt zurück: Die Kerninflation erreichte im April mit 3,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahren. Preiserhöhungen ziehen sich mittlerweile durch die gesamte Wirtschaft – von Kinotickets bis hin zu Paketdiensten.
Auch geopolitische Faktoren spielen eine Rolle. Naomi Fink, Chefökonomin bei Amova Asset Management, verwies auf das weltweit dominierende Szenario länger anhaltender hoher Zinsen (higher for longer), das durch die inflationären Folgewirkungen des US-israelischen Krieges gegen den Iran angetrieben wird. Dies lasse der BoJ kaum Spielraum, von der erwarteten Zinserhöhung abzuweichen.
Strikte Regie trotz Abwesenheit
Trotz seines Ausfalls wird Ueda nicht völlig einflusslos bleiben. Ayako Fujita, Japan-Ökonomin bei JPMorgan, betonte, dass der Gouverneur seine Einschätzungen schriftlich einreichen wird. Sollte es im verkleinerten, nun achtköpfigen Ausschuss zu einem Patt kommen, liegt die Entscheidung bei Vize-Gouverneur Ryozo Himino, dessen Votum laut Experten nicht von Uedas Absichten abweichen wird.
Zudem betonen Analysten, dass Uedas Stellvertreter Uchida in Finanzkreisen als äußerst geschickter Kommunikator gilt. Izumi Devalier, Japan-Ökonomin bei der Bank of America, sieht darin sogar einen Vorteil:
„Alles, was Uchida sagt oder verschweigt, wird die Absicht der BoJ exakt widerspiegeln. Man könnte argumentieren, dass es dadurch sogar einfacher werden könnte, die Signale der Notenbank zu analysieren.“
Fujita fügte hinzu, dass die veränderte Besetzung dem Markt seltene Einblicke gewähren könnte: Während Ueda als Akademiker eher theoretische Erklärungen bevorzuge, agiere Uchida sehr praxisorientiert. Dies könnte ein seltenes Fenster in die internen Beratungen der Bank of Japan öffnen.