Der Rücktritt des britischen Verteidigungsministers John Healey am 11. Juni macht eine anhaltende Debatte in europäischen Sicherheits- und Finanzkreisen wieder sichtbar. Im Kern geht es um die Frage, ob die von den Regierungen angekündigten Aufrüstungsvorhaben tatsächlich in den nationalen Haushalten der NATO-Staaten ankommen.
Der Abgang Healeys wird von Beobachtern nicht als isoliertes Ereignis gewertet. Er gilt vielmehr als Indikator für ein strukturelles Problem. In mehreren europäischen Hauptstädten wachsen die Spannungen zwischen sicherheitspolitischen Vorgaben und den tatsächlichen finanzpolitischen Spielräumen. Dies hat Auswirkungen auf den Rüstungssektor, dessen Kursgewinne sich zuletzt verlangsamt haben.
Verzögerungen bei der britischen Rüstungsfinanzierung
Im Vereinigten Königreich zeigt sich die Lücke zwischen Anspruch und Umsetzung besonders deutlich. Ein für das vergangene Jahr erwarteter Verteidigungsfinanzplan wurde bisher nicht vorgelegt. Healey hatte sich intern für ein Ziel von 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts bis 2030 eingesetzt. Nach Angaben des Atlantic Council auf Basis von NATO-Daten lag der britische Verteidigungsetat im vergangenen Jahr bei 2,31 Prozent.
In den Regierungsverhandlungen wurde dem Minister jedoch lediglich eine Steigerung auf 2,68 Prozent bis 2030 angeboten. Die Mittel sollten zudem überwiegend in spätere Jahre verschoben werden (”backloaded”). Diese zeitliche Streckung verringert kurzfristig die Belastung des Haushalts, reduziert jedoch die Planungssicherheit für Beschaffung und Industrie.
Geografische Unterschiede bei den Verteidigungsausgaben
Innerhalb der NATO zeigen sich deutliche Unterschiede in der Prioritätensetzung. Deutschland plant für das kommende Jahr eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben um etwa ein Fünftel. Höhere Ausgaben streben vor allem die Staaten an, die an Russland grenzen.
Polen sowie Litauen, Lettland und Estland planen mit Verteidigungsausgaben von mehr als 5 Prozent des BIP bis zum Ende des Jahrzehnts. Diese Länder stufen die Bedrohungslage als unmittelbar ein.
Mit größerer Distanz zur östlichen Außengrenze sinkt der politische Druck. Spanien hat als einziges NATO-Mitglied bisher kein Ziel von mindestens 3,5 Prozent des BIP bis 2035 genannt. In Großbritannien, Frankreich und Italien stehen zusätzliche Ausgaben unter dem Vorbehalt fiskalischer Engpässe und politischer Rahmenbedingungen.
Schleppende Beschaffungsprozesse
Auch bei vorhandenen Budgetmitteln verläuft die Beschaffung oft langsam. Die Europäische Union hat zwar Regelungen beschlossen, um Rüstungsinvestitionen und grenzüberschreitende Produktionen zu vereinfachen und Bürokratie abzubauen.
In der Praxis zeigen sich jedoch weiterhin Hürden. Deutschland informierte Frankreich in diesem Monat über den Rückzug aus Teilen eines gemeinsamen Kampfflugzeugprogramms. Das Projekt steht exemplarisch für die Schwierigkeiten europäischer Rüstungskooperationen bei abweichenden industriellen und politischen Interessen.
Anpassung der Markterwartungen
Die Kapitalmärkte reagieren auf die Verzögerungen bei den staatlichen Ausgaben. Die Bewertungen europäischer Rüstungsunternehmen haben sich nach einer Phase starker Anstiege zuletzt abgeschwächt.
Analysten korrigieren die langfristigen Wachstumsannahmen. Der Rheinmetall-Konzern rechnet weiterhin mit einem Umsatzanstieg von knapp unter 10 Milliarden Euro im vergangenen Jahr auf etwa 50 Milliarden Euro im Jahr 2030. Die Konsensschätzungen von S&P Capital IQ liegen mit rund 42 Milliarden Euro darunter.
Für die Zwischenjahre wurden die Erwartungen ebenfalls angepasst. Nach LSEG-Daten liegen die Analystenprognosen für den Umsatz im Jahr 2027 derzeit um etwa 17 Prozent unter den Werten aus dem vergangenen Herbst.
Rückgang der Bewertungssätze
Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis der sechs größten europäischen Rüstungsunternehmen fiel von über 30 im zweiten Halbjahr des vergangenen Jahres auf aktuell etwa 23.
Diese Entwicklung wird am Markt als Anpassung der Erwartungshaltungen eingeordnet. Die Annahme eines kontinuierlich linearen Aufrüstungsverlaufs wird vor dem Hintergrund politischer und haushalterischer Einflussfaktoren neu bewertet.
Der Rücktritt Healeys verdeutlicht in diesem Zusammenhang, dass die Umsetzungsgeschwindigkeit bei der militärischen Wiederaufrüstung auch in größeren NATO-Staaten durch finanzielle Rahmenbedingungen begrenzt wird.
Der strategische Kontext bleibt unverändert. Sicherheitsbehörden in mehreren NATO-Staaten halten an der Einschätzung fest, dass Russland bis Ende des Jahrzehnts in der Lage sein könnte, konventionelle militärische Operationen in Europa durchzuführen.
Für die Finanzmärkte sind jedoch die konkreten Haushaltsentscheidungen maßgeblich. Das Spannungsfeld zwischen langfristigen Sicherheitsanforderungen und kurzfristigen fiskalischen Begrenzungen prägt derzeit die Entwicklung des Rüstungssektors.