
Der neue Vorsitzende der US-Notenbank Federal Reserve, Kevin Warsh, steht direkt zu Beginn seiner Amtszeit vor einer Zerreißprobe. Wenn die Mitglieder des Offenmarktausschusses am heutigen Dienstag zu ihrer zweitägigen Sitzung zusammenkommen, blicken Ökonomen und Märkte auf eine Inflationsrate von 3,8 Prozent. Dieser Wert liegt nahe an einem Dreijahreshoch und beträgt fast das Doppelte des offiziellen Stabilitätsiels der Zentralbank. Ausgelöst wurde dieser jüngste Preisschub vor allem durch die massiven Verwerfungen an den Energiemärkten infolge des militärischen Konflikts zwischen den USA und dem Iran.
Trotz der jüngsten diplomatischen Entspannung am Wochenende zeigt eine aktuelle Umfrage der Financial Times in Zusammenarbeit mit dem Clark Center der Universität Chicago, dass eine knappe Mehrheit der führenden Wirtschaftswissenschaftler noch vor Ende des Jahres 2026 mit einer Zinserhöhung um mindestens einen Viertelprozentpunkt rechnet. Dies bedeutet eine radikale Kehrtwende in den Erwartungen, da noch im März über 60 Prozent der Befragten von sinkenden Zinsen ausgingen. Die Befürchtung der Experten liegt darin begründet, dass die durch die Blockade der Straße von Hormus entstandenen Zweitrundeneffekte die Teuerung in den USA weit hartnäckiger antreiben könnten, als es der aktuelle Rückgang der Rohölpreise vermuten lässt.
An den Finanzmärkten spiegelt sich diese Skepsis ebenfalls wider, da Händler in den Federal Funds Futures eine Zinserhöhung im weiteren Jahresverlauf weiterhin für wahrscheinlicher halten als eine Lockerung der Geldpolitik. Zwar gilt es als nahezu sicher, dass die Fed die Kreditkosten in dieser Woche zunächst unverändert lassen wird, doch die internen Lager der Notenbank sind tief gespalten. Einige Entscheidungsträger signalisieren bereits Offenheit für restriktivere Maßnahmen, da sich der US-Arbeitsmarkt stabilisiert und das Wirtschaftswachstum robust bleibt. Marktbeobachter betonen zudem, dass Kevin Warsh trotz des politischen Drucks durch den US-Präsidenten seine Entscheidungen strikt von den wirtschaftlichen Fundamentaldaten abhängig machen wird.
Neben der Inflationsbekämpfung und internen Reformplänen, wie der Verkleinerung der Fed-Bilanz, muss sich die neue Führung der Notenbank auf erhebliche Risiken an den Aktienmärkten einstellen. Fast drei Viertel der befragten Ökonomen warnen vor der überdurchschnittlich hohen Wahrscheinlichkeit eines heftigen Markteinbruchs beim S&P 500 im kommenden Jahr. Da die jüngste Rekordrallye an der Wall Street extrem stark von wenigen Technologie- und Halbleiteraktien getragen wurde, wächst die Sorge vor einer schmerzhaften Korrektur, die durch die historisch hohe Staatsverschuldung der USA zusätzlich verschärft werden könnte.