
Aufatmen an den globalen Energiemärkten. Die Ölpreise sind am Dienstag auf den tiefsten Stand seit mehr als drei Monaten gefallen, da Händler vermehrt darauf setzen, dass eine historische diplomatische Annäherung zwischen den USA und dem Iran den blockierten Rohölfluss durch die strategisch wichtige Straße von Hormus schon bald wiederherstellen wird. Die internationale Benchmark Brent-Rohöl verlor in der Spitze mehr als 4 Prozent und rutschte zeitweise auf 79,61 US-Dollar pro Barrel, was den niedrigsten Stand seit Anfang März markiert. Später stabilisierte sich der Kurs bei rund 80,50 Dollar. Auch die US-Leitsorte West Texas Intermediate verzeichnete ein deutliches Minus von 3,8 Prozent und notierte bei 77,70 US-Dollar.
Auslöser des massiven Preissturzes ist eine am späten Sonntagabend erzielte vorläufige Einigung zwischen Washington und Teheran. Nach wochenlangen, zähen Verhandlungen, die von Katar und Pakistan vermittelt wurden, verständigten sich beide Parteien auf eine Verlängerung des Waffenstillstands und die Wiedereröffnung der Meeresstraße, die seit Ende Februar praktisch komplett gesperrt war. Die offizielle Unterzeichnung des Abkommens ist für diesen Freitag geplant. Soojin Kim, eine Analystin bei der Großbank MUFG, erklärt dazu, dass der Optimismus über eine schrittweise Erholung der Exporte aus der Golfregion die geopolitische Risikoprämie drastisch schrumpfen ließ. Zudem dürfte die Aussicht auf sinkende Energiepreise die weltweiten Inflationssorgen spürbar dämpfen.
Der jüngste Preissturz markiert eine Kehrtwende in einem extrem turbulenten Jahr für den Energiesektor. Nach Beginn der militärischen Eskalation im Nahen Osten am 28. Februar schossen die Ölpreise von zuvor rund 72 Dollar in der Spitze im April auf bis zu 126 Dollar pro Barrel hoch. Michael Haigh, globaler Leiter der Rohstoffforschung bei der Société Générale, beschreibt die aktuelle Marktpsychologie pragmatisch und betont, dass der Markt derzeit nach dem Motto agiere, jetzt zu verkaufen und später Fragen zu stellen. Auch wenn Details noch unklar seien, gehe die Tendenz klar in Richtung einer engen Einigung statt eines weiteren Stillstands.
Trotz der Euphorie an den Börsen mahnen Branchenexperten und Reeder zur Geduld. Jotaro Tamura, Chef des Schifffahrtsgiganten Mitsui OSK Lines, betonte, dass es Wochen dauern werde, bis Reedereien die Passage wieder regulär nutzen, da man erst abwarten wolle, ob das Abkommen in der Praxis Bestand hat. Zudem gilt die Wasserstraße nach den wochenlangen Gefechten potenziell als vermint. Auch die Analysten der Schweizer Großbank UBS gaben zu bedenken, dass die Normalisierung Zeit brauche, da Reedereien und Versicherer angesichts der Sorge vor Seeminen erst auf klare Sicherheitsgarantien warten, bevor sie die Straße von Hormus wieder durchfahren.
Die großen Investmentbanken haben prompt reagiert und ihre Preiserwartungen für die Zukunft angepasst. Goldman Sachs senkte die Prognose für das Jahresendquartal 2026 um 10 Dollar auf nun 80 Dollar pro Barrel Brent. Die Bank geht davon aus, dass sich die Exporte aus dem Persischen Golf bereits bis Ende Juli wieder auf Vorkriegsniveau einpendeln könnten. Morgan Stanley rechnet ebenfalls damit, dass sich der Brent-Preis ab dem vierten Quartal 2026 um die Marke von 80 Dollar einpendeln wird, warnt jedoch vor kurzfristigen Engpässen in den verbleibenden Sommermonaten. Obwohl die Preise damit weit unter ihren Höchstständen aus dem Frühjahr liegen, betonen Analysten, dass sie vorerst auf einem leicht erhöhten Niveau verharren werden, da weltweit auch die staatlichen Notfallreserven dringend wieder aufgefüllt werden müssen.