Neue Perspektiven für eine Welt im Wandel


Streit um Commerzbank eskaliert kurz vor Ablauf des UniCredit-Angebots

·

Photo by Andreas Maier on Unsplash

Der Übernahmekampf um die Commerzbank hat wenige Stunden vor dem Ablauf des freiwilligen Angebots der italienischen Großbank UniCredit eine neue Eskalationsstufe erreicht. Nach aktuellen Angaben der Mailänder Bank wurden ihr im Rahmen des laufenden Angebots bislang rund 12 Prozent der Commerzbank-Aktien angedient. Zusammen mit dem bereits gehaltenen Anteil von knapp 27 Prozent könnte sich die Beteiligung damit rechnerisch auf fast 39 Prozent erhöhen. Unter Einbeziehung weiterer Finanzinstrumente, die zusätzliche 3,22 Prozent der Aktien abbilden, wäre im besten Fall sogar eine Annäherung an die 42-Prozent-Marke möglich.

Diese Größenordnung hat in Frankfurt wie auch unter Marktbeobachtern erneut die Frage aufgeworfen, warum das Angebot trotz eines lange Zeit ungünstigen Umtauschverhältnisses überhaupt eine derart hohe Annahmequote erreicht. Die UniCredit bietet den Commerzbank-Aktionären für jede Aktie knapp eine halbe eigene Aktie, ein Verhältnis, das über weite Strecken unter dem jeweiligen Börsenwert der Commerzbank lag und erst in jüngerer Zeit durch Kursbewegungen eine leichte Annäherung an das Marktpreisniveau erfahren hat. Der Ökonom Volker Brühl vom Frankfurt Center for Financial Studies verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass bei einem derart niedrigen relativen Preisniveau „eigentlich kaum rationale Gründe für eine breite Annahme“ bestünden.

Besonders deutlich fällt die politische Reaktion des Bundes aus, der als Anteilseigner mit rund zwölf Prozent weiterhin eine zentrale Rolle spielt. Die Finanzagentur des Bundes teilte mit, eine Annahme des Angebots komme „wirtschaftlich nicht infrage“, da keine angemessene Prämie auf den aktuellen Kurs der Commerzbank-Aktie geboten werde. Zugleich bekräftigte der Bund seine Unterstützung für die Eigenständigkeit des Instituts und stellte sich ausdrücklich gegen das von Berlin als „aggressiv“ bezeichnete Vorgehen der italienischen Bank.

Die Commerzbank selbst hat in den vergangenen Tagen die von der UniCredit kommunizierten Annahmezahlen öffentlich infrage gestellt und die Finanzaufsicht BaFin eingeschaltet. Nach Darstellung des Frankfurter Instituts deute die Struktur der angedienten Aktien darauf hin, dass es sich nicht ausschließlich um Positionen unabhängiger Investoren handeln könne. Vielmehr bestehe der Verdacht, dass Finanzinstrumente oder ausgeliehene Aktien eine Rolle spielen könnten, wodurch die tatsächliche Zustimmung überzeichnet dargestellt werde. Die Bank betont zugleich, dass nach eigenen Informationen bislang weder große institutionelle Investoren noch relevante Teile der Privatanlegerschaft das Angebot in signifikanter Weise angenommen hätten.

Die UniCredit weist diese Vorwürfe entschieden zurück und spricht ihrerseits von einer irreführenden Darstellung durch die Commerzbank. Eingelieferte Aktien seien rechtlich gültige Annahmen, unabhängig von ihrer Herkunft, teilte die Bank mit.

Parallel dazu hat auch die italienische Großbank die Aufsicht eingeschaltet und wirft der Commerzbank vor, durch öffentliche Aussagen Unsicherheit unter den Aktionären zu erzeugen. Die BaFin begleitet das Verfahren nach eigenen Angaben eng und hat beide Seiten bereits zu erweiterten Offenlegungen im Zusammenhang mit den eingesetzten Finanzinstrumenten aufgefordert.

Auch auf Arbeitnehmerseite verschärft sich der Konflikt. Der Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Commerzbank, Sascha Übel, bezeichnete die Auseinandersetzung als „reine Schlammschlacht“ und erstattete Strafanzeige wegen des Verdachts auf Marktmanipulation und Irreführung, die sich gegen Unbekannt richtet. Ziel sei es, so Übel, eine umfassende Aufklärung des gesamten Übernahmeverfahrens zu erreichen. Bei der Staatsanwaltschaft Frankfurt laufen nach Angaben aus Justizkreisen bereits Vorermittlungen, um das Vorliegen eines Anfangsverdachts zu prüfen. Auch die BaFin steht in diesem Zusammenhang im Austausch mit den Ermittlungsbehörden.

Die Marktreaktionen spiegeln die zunehmende Unsicherheit wider. Während die Aktie der UniCredit zuletzt zulegte, geriet das Papier der Commerzbank unter Druck. Hintergrund ist unter anderem die Neubewertung des Umtauschverhältnisses, das durch Kursbewegungen der UniCredit-Aktie zeitweise wieder attraktiver geworden war. Damit hat sich erstmals seit Beginn der Offerte eine Konstellation ergeben, in der eine Annahme für einzelne Aktionäre rechnerisch vorteilhaft sein kann.

Für zusätzlichen Druck sorgt die strukturelle Perspektive des möglichen Einflusses der UniCredit auf die Commerzbank. Sollte der Anteil auf über 40 Prozent steigen, könnte die italienische Bank bei typischer Hauptversammlungspräsenz erheblichen Einfluss auf zentrale Entscheidungen gewinnen und perspektivisch auch Vertreter in den Aufsichtsrat entsenden. Dieser ist wiederum für die Bestellung des Vorstands zuständig. Die Commerzbank weist darauf hin, dass solche Szenarien zusätzliche Unruhe in einem ohnehin sensiblen Übernahmeprozess erzeugen.

Vor diesem Hintergrund bekräftigte die Bundesregierung erneut ihre Haltung, dass die Commerzbank eine zentrale Rolle für die Finanzierung der deutschen Wirtschaft und insbesondere des Mittelstands spiele. Auch als Arbeitgeber am Standort Frankfurt sei das Institut von systemischer Bedeutung. Die politische Unterstützung für die Eigenständigkeit der Bank bleibt damit ausdrücklich bestehen, während der Übernahmekonflikt zwischen Frankfurt und Mailand kurz vor einer entscheidenden Phase steht, deren Ausgang sich erst nach Ablauf der Frist und der anschließenden Nachfrist vollständig abzeichnen dürfte.

Unterstützen Sie unsere Arbeit!

Ihre Unterstützung ermöglicht es uns, unabhängigen Journalismus fortzuführen und fundierte Analysen zu Politik, Wirtschaft und globalen Entwicklungen frei zugänglich zu machen.

☕ Buy me a coffee

Discover more from The Meridian

Subscribe now to keep reading and get access to the full archive.

Continue reading