
Die Bauhaus-Stiftung bereitet sich auf mögliche juristische Konflikte vor, während die AfD vor der Landtagswahl eine „patriotische Kulturpolitik“ ankündigt
Dessau-Roßlau wirkt an diesem Morgen ruhig. Doch in der Bauhaus-Stiftung spricht man inzwischen offen über Szenarien, die lange als unwahrscheinlich galten: politische Eingriffe in die Arbeit einer der bekanntesten Kulturinstitutionen Deutschlands.
Barbara Steiner, Leiterin der Stiftung, formuliert es vorsichtig, aber deutlich. Die AfD in Sachsen-Anhalt greife nicht nur das Bauhaus als Architekturbewegung an, sondern nutze dabei Sprachmuster, die historisch belastet seien.
„Sie verwenden bestimmte Triggerbegriffe, bestimmte Codes“, sagte Steiner der Financial Times. „Wer sie kennt, erkennt sofort, woher sie stammen. Andere halten sie für harmlos.“
Der Hintergrund ist politisch konkret. In Sachsen-Anhalt steht im September eine Landtagswahl an. Umfragen sehen die AfD bei rund 41 Prozent – ein Wert, der sie in Reichweite einer Regierungsmehrheit bringen könnte, abhängig vom Einzug kleinerer Parteien über die Fünf-Prozent-Hürde.
Zum ersten Mal schließt die Stiftung deshalb auch rechtliche Absicherung ein. Steiner hat eine Directors-and-Officers-Versicherung (D&O) abgeschlossen – eine Maßnahme, die normalerweise in Unternehmenskontexten genutzt wird, um Führungskräfte vor Haftungsrisiken und Klagen zu schützen.
Gleichzeitig tauschen sich Kultureinrichtungen im Land darüber aus, wie sie auf mögliche politische Eingriffe reagieren könnten – von Budgetkürzungen bis zu Entlassungen. Dabei werden auch Erfahrungen aus Ungarn, Polen und der Slowakei herangezogen.
„Wir sind rechtlich vorbereitet“, sagte Steiner. „Und wir sind besorgt, weil sich das Verständnis von Kultur insgesamt verschiebt.“
Im Zentrum des Konflikts steht ein AfD-Antrag aus dem Jahr 2024. Eingebracht wurde er von Hans-Thomas Tillschneider, dem kulturpolitischen Sprecher der Partei im Landtag. Der Titel: „Irrweg der Moderne“.
Der Antrag forderte eine kritische Neubewertung des Bauhauses. Die minimalistische Ästhetik der Bewegung habe laut AfD zu „architektonischen Fehlentwicklungen“ geführt, Gebäude seien „kalt“ und „unwirtlich“, traditionelle Wohnformen seien verdrängt worden.
Steiner widerspricht dieser Darstellung nicht grundsätzlich – die Diskussion über das Bauhaus sei historisch geführt worden. Entscheidend sei jedoch die Wortwahl. Der Begriff „Irrweg der Moderne“ sei kein neutraler Ausdruck, sondern erinnere an anti-moderne Kampfrhetorik aus der NS-Zeit.
Tillschneider weist solche historischen Bezüge zurück. Das Bauhaus dürfe nicht sakrosankt sein, sagte er und bezeichnete Teile der Architektur als „unerträglich anzusehen“.
Die politische Dimension reicht weiter. Die AfD in Sachsen-Anhalt verfolgt in ihrem Programm eine „patriotische Kulturpolitik“, die „deutsche Identität“ und „nationales Selbstbewusstsein“ stärken soll. Der Landesverband wird vom deutschen Verfassungsschutz als rechtsextrem eingestuft.
Die Stiftung sieht darin kein isoliertes kulturpolitisches Programm, sondern einen umfassenderen Anspruch auf Deutungshoheit über Kultur. Kultur sei für die Partei kein Randthema, sondern zentral.
„Die AfD hat verstanden, dass Kultur das wichtigste politische Feld überhaupt ist“, sagte Steiner. „Es geht um Werte, um Zusammenleben und um das, was als normal gilt.“
Die strukturelle Unsicherheit hat auch praktische Folgen. Neben der Versicherung und interner Krisenplanung hat die Stiftung gemeinsam mit 26 weiteren Kultureinrichtungen eine Erklärung zur Verteidigung der Kunstfreiheit unterzeichnet.
Kurz darauf stellte der AfD-Stadtrat Laurens Nothdurft öffentlich die Frage, ob Steiner als Leiterin einer öffentlich finanzierten Institution überhaupt politische Stellungnahmen abgeben dürfe. Nothdurft, Jurist und ehemaliges Mitglied einer inzwischen verbotenen neonazistischen Jugendorganisation, sagte der Financial Times, er sei zwar „stolz auf das Bauhaus“ und halte Steiner persönlich in „hohem Ansehen“, dennoch müsse sie „neutral“ bleiben.
Steiner sieht das anders. Gerade weil die Stiftung öffentlich finanziert sei, müsse sie sich äußern, wenn ihre institutionelle Unabhängigkeit betroffen sei.
„Ich muss sprechen, wenn die Institution angegriffen wird“, sagte sie.
Die Bauhaus-Stiftung steht dabei nicht nur symbolisch im Zentrum. Das Bauhaus wurde 1919 von Walter Gropius in Weimar gegründet und verband Architektur, Design und Kunst zu einem neuen Verständnis von Alltag.
Nach dem Entzug der Finanzierung in Thüringen zog die Schule 1925 nach Dessau. 1932 wurde sie dort politisch zunehmend isoliert, bevor sie 1933 unter Druck des NS-Regimes endgültig aufgelöst wurde. Viele ihrer führenden Vertreter gingen ins Exil, darunter Gropius und Wassily Kandinsky.
In den 1970er-Jahren wurde das Bauhaus-Erbe in der DDR wieder stärker aufgegriffen. Das Dessauer Gebäude wurde restauriert und die Stiftung als zentrale Hüterin des Nachlasses etabliert.
Heute ist das Bauhaus UNESCO-Welterbe und zieht jährlich rund 180.000 Besucher an. Für Dessau-Roßlau ist die Institution ein wichtiger wirtschaftlicher Faktor in einer Region, die unter Deindustrialisierung und Bevölkerungsrückgang leidet.
Gleichzeitig beschreibt Steiner das Verhältnis zwischen Stadt und Stiftung als „ambivalent“. Die internationale Bedeutung stehe einer lokal oft angespannten politischen Wahrnehmung gegenüber.
Die Stiftung geht davon aus, dass kurzfristige finanzielle Risiken durch Bund und Kommunen abgefedert werden könnten. Langfristig hängt die Situation jedoch von politischen Mehrheiten im Land ab.
„Wenn eine AfD-Mehrheit die Stadt oder sogar eine Landesregierung stellen würde“, sagte Steiner, „dann könnte das Bauhaus erneut geschlossen werden.“
Der Unterschied zu früher, sagt sie, sei nur einer: Heute habe das Bauhaus viele Unterstützer. Aber keine Garantie, dass diese Unterstützung stabil bleibt.