
Die Gespräche zwischen den USA und dem Iran auf dem Bürgenstock in der Schweiz sind in eine akute Krise geraten, nachdem die iranische Delegation die direkten Verhandlungen zeitweise verlassen hat. Ein US-Regierungsvertreter erklärte, die Gespräche sollten dennoch bis in die frühen Morgenstunden des Montags fortgesetzt werden – allerdings unter zunehmend angespanntem Vorzeichen und mit stark eingeschränktem direkten Kontakt zwischen den Delegationen.
Auslöser der Eskalation waren neue öffentliche Drohungen von US-Präsident Donald Trump, die über soziale Medien und Fernsehinterviews verbreitet wurden. Trump drohte demnach mit Bombardierungen Irans sowie – in ungewöhnlich scharfer Rhetorik – mit der möglichen Festsetzung des iranischen Verhandlungsteams, sollte die strategisch zentrale Straße von Hormus nicht wieder vollständig geöffnet werden. Die Äußerungen wurden von iranischer Seite als direkte Bedrohung der persönlichen Sicherheit der Delegation gewertet.
Die iranische Delegation unter Leitung von Mohammad Bagher Ghalibaf verließ daraufhin die direkten Gespräche und traf sich zunächst mit katarischen Vermittlern. Laut iranischen Staatsmedien traten die Gespräche anschließend in eine „schwierige Phase“ ein und wurden nach der Veröffentlichung eines „beleidigenden Schreibens des US-Präsidenten“ offiziell unterbrochen. Katar und Pakistan führen die Vermittlung seither im Hintergrund weiter.
Ein US-Diplomat am Verhandlungsort in Bürgenstock betonte hingegen, die Gespräche seien nicht gescheitert. Vielmehr werde weiter über Nacht gearbeitet, insbesondere an drei zentralen Themen: der Klärung iranischer Absichten bezüglich der Straße von Hormus, der Entwicklung von „Mechanismen“, um die Offenhaltung der Meerenge zu garantieren, sowie der Umsetzung eines stabilen Waffenstillstands im Südlibanon. Parallel dazu werde weiterhin „substanziell und robust“ über das iranische Nuklearprogramm verhandelt.
Trotz des Abbruchs der direkten Gespräche hatten beide Seiten zuvor noch einen technischen Fortschritt erzielt. Ein Entwurf sieht vor, wie die USA Ausnahmeregelungen für die Aufhebung von Sanktionen auf iranische Ölexporte erteilen könnten – eine zentrale Voraussetzung Teherans für jede weitergehende Verhandlung über das Nuklearprogramm. Iranische Vertreter sprachen zudem von Fortschritten bei der Freigabe eingefrorener Vermögenswerte im Ausland.
Bereits in der Vorwoche hatten beide Staaten ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, das eine Beendigung der Blockade der Straße von Hormus sowie 60 Tage Verhandlungen über das iranische Zivilprogramm vorsieht. Der aktuelle Konflikt stellt dieses Rahmenabkommen nun erneut infrage.
Innerhalb der iranischen Delegation verschärfte vor allem die Wortwahl aus Washington die Spannungen. Die über verschiedene Kanäle verbreiteten Aussagen Trumps – darunter auch die Warnung vor einer „Übernahme der Meerenge“ und der Erhebung von Transitgebühren – wurden als unverhältnismäßig und als Gefahr für die persönliche Sicherheit der Unterhändler bewertet. In einem vielbeachteten Fernsehinterview auf Fox News sprach Trump zudem davon, die Straße „notfalls zu kontrollieren“ und im Konfliktfall wirtschaftlich zu sanktionieren oder zu blockieren.
Noch weiter gingen einzelne Aussagen in einem 20-minütigen Telefongespräch, in dem Trump laut Mitschrift erklärte, man könne „die Meerenge übernehmen“ und Gebühren für die Durchfahrt erheben. In diesem Kontext fielen auch Formulierungen, die von der iranischen Seite als indirekte Drohung gegen die Bewegungsfreiheit der Delegation interpretiert wurden.
Parallel dazu zeigte sich ein deutlich anderer Ton im US-Verhandlungsteam. Vizepräsident JD Vance, der gemeinsam mit dem Sondergesandten Steve Witkoff und Jared Kushner in der Schweiz anwesend war, warb für eine vorsichtig versöhnliche Linie. Er sprach von einem möglichen „Neuanfang“ in den Beziehungen und betonte, die USA seien bereit, ihre Haltung grundlegend zu überdenken – sofern Iran langfristig auf nukleare Ambitionen und destabilisierende regionale Politik verzichte.
Auch innerhalb der iranischen Führung wurde die harte Linie verteidigt. Mohammad Bagher Ghalibaf erklärte, Drohungen hätten historisch keine Wirkung gezeigt und würden auch jetzt keinen Einfluss auf die iranische Position haben. Gleichzeitig räumten Delegationskreise ein, dass der Rückzug aus den Gesprächen auch innenpolitisch motiviert gewesen sei, da der Druck wachse, gegenüber Washington eine kompromisslose Haltung zu zeigen.
Zugleich bleibt die Lage im Nahen Osten ein zusätzlicher Spannungsfaktor. Iran begründete die erneute Einschränkung der Durchfahrt durch die Straße von Hormus mit israelischen Angriffen im Libanon und warf den USA vor, diese indirekt zu tolerieren. Israel habe nach iranischer Darstellung die im Rahmenabkommen vorgesehene Waffenruhe verletzt. Bei Angriffen im Libanon sollen am Wochenende mehr als 30 Menschen getötet worden sein.
US-Senator Lindsey Graham, ein enger Trump-Vertrauter, verschärfte die Rhetorik zusätzlich und stellte in Aussicht, die USA könnten die Kontrolle über die Straße im Konfliktfall militärisch übernehmen und Durchfahrtsgebühren erheben. Aus Sicht der US-Regierung seien die wirtschaftlichen Folgen der iranischen Blockade bislang jedoch begrenzt: Nach Angaben von Energieminister Chris Wright hätten weiterhin Dutzende Schiffe die Meerenge passiert.
Die praktische Wirkung der iranischen Maßnahmen bleibt damit vorerst unklar. Gleichzeitig warnte Trump öffentlich vor einem möglichen Versorgungsengpass auf den globalen Ölmärkten innerhalb weniger Wochen und deutete an, ohne eine Einigung wäre eine weltweite Rezession kaum zu vermeiden gewesen.
Auch die internationale Vermittlungsstruktur ist angespannt. Neben Katar und Pakistan ist weiterhin die UN-Atomenergiebehörde unter Leitung von Rafael Grossi in die Gespräche eingebunden. Iran will die Verhandlungen über Inspektionen seiner Nuklearanlagen jedoch erst nach einer Lösung der Sanktionsfrage vertiefen.
Die Gespräche im Bürgenstock gelten damit trotz einzelner technischer Fortschritte als fragil. Ob der Prozess in den kommenden Tagen wieder in einen stabilen Verhandlungsrahmen zurückfindet, ist derzeit offen.