Große US Investmentbanken veröffentlichen nach Ablauf der Sperrfrist ihre ersten Bewertungen für SpaceX. Die Kursziele reichen weit auseinander, weil Anleger nicht mehr nur auf Raketen, sondern zunehmend auf Satelliteninternet und KI setzen.

Wenige Wochen nach dem Börsengang steht SpaceX wieder im Rampenlicht der Börse. Mehrere große US Investmentbanken haben die Aktie erstmals offiziell bewertet. Fast alle raten zum Kauf. Das gibt dem Papier neuen Schwung, nachdem der Kurs in den ersten Wochen stark geschwankt hatte.
Wall Street bewertet SpaceX erstmals nach dem Börsengang
Unter den Analysten, die am 7. Juli ihre Bewertung veröffentlichten, sticht Morgan Stanley mit dem höchsten Kursziel unter den großen Häusern hervor. Analyst Adam Jonas vergab die Einstufung Overweight und nannte 300 Dollar als Basisszenario. Das entsprach zu diesem Zeitpunkt einem Kurspotenzial von rund 87 Prozent.
Raymond James ging mit einem Kursziel von 800 Dollar sogar noch weiter und sprach von einem Ereignis, das mit der Elektrifizierung, dem Eisenbahnbau und der Erfindung des Internets vergleichbar sei. Wells Fargo nannte 230 Dollar, Bernstein 239 Dollar und UBS 210 Dollar. Goldman Sachs blieb mit 205 Dollar vorsichtiger, Citigroup mit 200 Dollar noch etwas darunter. Über alle bis dahin veröffentlichten Studien hinweg lag der Median der Kursziele bei 225 Dollar. Vier Banken, darunter J.P. Morgan und Deutsche Bank, nannten exakt diesen Wert.
Dass so viele positive Studien fast gleichzeitig erscheinen, hat einen einfachen Grund. Die Banken, die den Börsengang selbst organisiert haben, dürfen aus rechtlichen Gründen erst nach einer festen Wartezeit eigene Studien veröffentlichen. Diese Frist ist Anfang Juli abgelaufen. Deshalb kamen viele Kaufempfehlungen auf einmal.
Starlink und KI treiben die neue Bewertung von SpaceX
Ein Blick in die Unternehmenszahlen erklärt, warum die Bewertungen der Banken so weit auseinanderliegen. SpaceX gliedert sein Geschäft in drei Bereiche. Der Bereich Connectivity, im Kern das Satellitennetz Starlink, erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von 11,4 Milliarden Dollar und ein operatives Ergebnis von 4,4 Milliarden Dollar. Damit war Starlink für 61 Prozent des gesamten Konzernumsatzes von 18,7 Milliarden Dollar verantwortlich und zugleich der einzige profitable Unternehmensteil.
Der Bereich Space, in dem die Trägerraketen Falcon und das neue Starship System entwickelt werden, kam auf einen Umsatz von 4,1 Milliarden Dollar, blieb wegen der hohen Entwicklungskosten für Starship aber in der Verlustzone. Der dritte Bereich, die KI Sparte um Grok, verzeichnete 2025 einen operativen Verlust von rund 6,35 Milliarden Dollar. Unter dem Strich stand für den Gesamtkonzern ein Nettoverlust von 4,9 Milliarden Dollar, während das bereinigte Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen bei etwa 6,6 Milliarden Dollar lag.
Gerade die KI Sparte hat sich in den vergangenen Monaten stark verändert und liefert den Analysten den Stoff für ihre optimistischsten Szenarien. Im Februar 2026 fusionierte SpaceX mit Elon Musks KI Unternehmen xAI, dem Entwickler des Chatbots Grok. Die Fusion wurde im Mai 2026 abgeschlossen und bewertete xAI mit rund 250 Milliarden Dollar.
Im Juni folgte die nächste große Weichenstellung. SpaceX kündigte an, die Programmierplattform Cursor für 60 Milliarden Dollar in Aktien zu übernehmen. Der Zusammenschluss soll im dritten Quartal 2026 abgeschlossen werden. Cursor hatte zu diesem Zeitpunkt eine jährliche wiederkehrende Umsatzrate von rund 1 Milliarde Dollar erreicht, mehr als 1 Million zahlende Nutzer und laut Daten des Anbieters Ramp einen Marktanteil unter Entwicklern, der von 41 Prozent im Juni 2025 auf etwa 26 Prozent im Mai 2026 gesunken war.
Nur wenige Tage vor Ende der Sperrfrist, am 8. Juli 2026, veröffentlichten SpaceX und Cursor mit Grok 4.5 ihr erstes gemeinsam trainiertes Modell. Es basiert auf dem SpaceX eigenen Basismodell mit der Bezeichnung V9, einer Mixture of Experts Architektur mit 1,5 Billionen Parametern, die auf der unternehmenseigenen Colossus Rechenanlage trainiert wurde. Das Modell verfügt über ein Kontextfenster von 500.000 Token und richtet sich neben der Softwareentwicklung gezielt an Aufgaben aus den Bereichen Recht und Finanzen. Ergänzend hatte SpaceX bereits zuvor einen Rechenleistungsvertrag mit Google über 30 Milliarden Dollar abgeschlossen, der rund 110.000 Grafikprozessoren umfasst.
Hohe Erwartungen treffen auf Risiken der SpaceX Aktie
Auf Basis dieser drei Geschäftsfelder legen die Analysten sehr unterschiedliche Wachstumsmodelle vor. Goldman Sachs rechnet damit, dass sich der Konzernumsatz von 18,7 Milliarden Dollar im Jahr 2025 bis 2030 auf etwa 474 Milliarden Dollar erhöht und der Umsatz aus KI Diensten dabei von 3,2 Milliarden Dollar auf 322 Milliarden Dollar steigt, ein Zuwachs um etwa das Hundertfache. Die Bank erwartet zudem, dass SpaceX bereits 2031 einen positiven freien Cashflow erwirtschaftet.
Morgan Stanley kommt für 2030 auf eine niedrigere Umsatzschätzung um 319 Milliarden Dollar. Der positive freie Cashflow wird nach Einschätzung der Bank erst 2035 erreicht. Damit begründet sie zugleich das breit gefasste Bewertungsband zwischen 75 Dollar im pessimistischen und 600 Dollar im optimistischen Szenario bei einem Basisszenario von 300 Dollar je Aktie.
Genau diese Mischung aus Raumfahrt, Satelliteninternet und künstlicher Intelligenz macht SpaceX aus Sicht der Banken einzigartig. Kein anderes Unternehmen deckt alle drei Bereiche gleichzeitig ab. Wer die Aktie kauft, wettet damit nicht mehr nur auf Raketen, sondern auf ein breit aufgestelltes Technologieunternehmen.
Beim Börsengang im Juni kostete eine Aktie 135 Dollar. Kurz danach stieg der Kurs zeitweise bis auf 225 Dollar. Danach ging es wieder deutlich bergab, zuletzt pendelte die Aktie um etwa 160 Dollar. Solche Schwankungen sind nach einem so großen Börsengang normal. Die Anleger müssen erst herausfinden, welcher Preis für die Aktie angemessen ist.
Zusätzlichen Rückenwind bekommt die Aktie durch die Aufnahme in den Nasdaq 100, einen der wichtigsten Technologieindizes der Welt. Viele große Fonds bilden diesen Index automatisch nach und müssen die Aktie deshalb kaufen. Das sorgt für zusätzliche Nachfrage, unabhängig davon, wie das Unternehmen wirtschaftlich abschneidet.
Ganz ohne Risiko ist die Aktie trotzdem nicht. SpaceX hängt stark von Elon Musk als Person ab. Auch könnten in den kommenden Monaten viele weitere Aktien zum Verkauf freigegeben werden, was den Kurs belasten könnte. Zudem sollte man bedenken, dass ausgerechnet die Banken mit den höchsten Kurszielen selbst am Börsengang verdient haben und deshalb ein eigenes Interesse an einem steigenden Kurs haben.
Klar bleibt, dass die Erwartungen an SpaceX sehr hoch sind. Die Aktie soll gleichzeitig bei Raketenstarts, beim Satelliteninternet und bei künstlicher Intelligenz überzeugen. Genau diese hohen Erwartungen erklären, warum die Kursziele der Banken so weit auseinanderliegen und warum der Kurs weiterhin stark schwanken dürfte.