Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron vereinbaren erstmals eine deutsche Beteiligung an einer französischen Nuklearübung. Das gescheiterte Kampfjet Projekt FCAS wird nicht mehr als gemeinsamer Flugzeugbau fortgeführt, wohl aber in Teilen seiner digitalen Architektur.

Am 16. und 17. Juli 2026 sind Bundeskanzler Friedrich Merz und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Rheinland zum 26. Deutsch-Französischen Ministerrat zusammengekommen. Der Auftakt fand am Abend des 16. Juli auf Schloss Bensberg in Bergisch Gladbach statt, wo sich beide Delegationen zu einem ersten Arbeitsgespräch trafen. Am folgenden Morgen tagte auf dem Fliegerhorst Nörvenich der Deutsch-Französische Verteidigungs- und Sicherheitsrat unter Leitung von Merz und Macron. Anschließend wurde Macron um 11 Uhr auf Schloss Augustusburg in Brühl mit militärischen Ehren empfangen, ehe die Kabinette beider Länder in bilateralen Gesprächen zusammenkamen.
Der Ort ist historisch aufgeladen. Im selben Schloss hatten sich am 4. September 1962 General Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer getroffen, es war der erste Besuch eines französischen Staatsoberhaupts in Deutschland nach zwei Weltkriegen und ein Vorläufer des Élysée-Vertrags. Merz griff diesen Bezug in seiner Pressekonferenz auf und bezeichnete die Freundschaft zu Frankreich als Kern deutscher Außenpolitik.
FCAS als gemeinsames Flugzeugprojekt ist Geschichte
Der Gipfel stand im Schatten einer bereits im Juni gefallenen Entscheidung. Anfang Juni 2026 hatten Merz und Macron eingeräumt, dass sich die Industriepartner Dassault und Airbus beim Bau eines gemeinsamen Kampfflugzeugs im Rahmen des Future Combat Air System nicht einigen konnten. Streitpunkt war vor allem die Aufteilung von Arbeitsanteilen und Patentrechten. Dassault-Chef Éric Trappier soll sich geweigert haben, sensibles Wissen mit Airbus zu teilen. Das Projekt war 2017 von der damaligen Kanzlerin Angela Merkel und Macron gestartet worden und sollte ursprünglich ab den 2040er-Jahren den Eurofighter und die Rafale ersetzen. Der finanzielle Schaden wird auf rund drei Milliarden Euro beziffert.
Auf dem Ministerrat in Brühl zogen beide Regierungen daraus die Konsequenz, die Zusammenarbeit auf wenige, realistischere Vorhaben zu konzentrieren, etwa Drohnentechnologien und gemeinsame Luftleitsysteme. Fortgeführt werden soll dagegen die sogenannte Combat Cloud, ein digitales Netzwerk zur Vernetzung von Flugzeugen, Drohnen und Sensoren, das als System der Systeme beschrieben wird. Die beiden Verteidigungsministerien unter Boris Pistorius und seiner französischen Amtskollegin Catherine Vautrin legten dem Ministerrat dazu einen Arbeitsplan zur verteidigungsindustriellen Zusammenarbeit vor.
Erstmals deutsche Beteiligung an französischer Nuklearübung
Neu ist die Vereinbarung, wonach die Bundeswehr im Herbst 2026 erstmals mit konventionellen Kräften an einer Übung der französischen Nuklearstreitkräfte teilnehmen wird. Medienberichten zufolge könnte es sich um das bekannte Simulationsmanöver Poker handeln. Eine gemeinsame Steuerungsgruppe soll über weitere Schritte der nuklearen Zusammenarbeit beraten. Merz sprach davon, man werde das nukleare Abschreckungsangebot Frankreichs nun erstmals annehmen.
Bereits am Vortag des Ministerrats, dem 16. Juli, hatten das französische Strategische Luftwaffenkommando und die deutsche Luftwaffe im Rahmen des französischen Konzepts der vorgeschobenen Abschreckung eine erste gemeinsame Übung geflogen, ohne nukleare Bewaffnung. Zwei französische Rafale-Kampfjets und zwei deutsche Eurofighter führten dabei gemeinsam mit einem französischen Tankflugzeug vom Typ MRTT Phénix eine Luftbetankung durch, bevor die Maschinen nach Nörvenich weiterflogen.
Auf der gemeinsamen Pressekonferenz im Rokoko-Treppenhaus von Schloss Augustusburg ließ Macron offen, ob französische Atomwaffen künftig auch in Deutschland stationiert werden könnten. Klargestellt hat er dagegen, dass Frankreich sein nukleares Arsenal weiterhin allein finanziere. Eine Kofinanzierung durch Deutschland sei keineswegs Teil des Angebots der erweiterten Abschreckung. Ziel der Kooperation mit Deutschland und weiteren Ländern sei es, so Macron, die Sicherheit des europäischen Kontinents zu erhöhen und zugleich bei den Gegnern mehr Unsicherheit zu schaffen. Vollständige Transparenz gegenüber Gegnern auf europäischem Boden sei dafür nicht immer die wirksamste Strategie.
Wirtschaft, China und weitere Themen
Neben der Sicherheitspolitik befasste sich der Ministerrat auch mit wirtschaftlichen Fragen und gemeinsamen deutsch-französischen Impulsen für die EU-Ebene. Macron würdigte die Funktionsfähigkeit des europäischen Binnenmarkts und warb erneut für die Einführung eines digitalen Euro. Mit Blick auf China verschärfte er den Ton. Chinas Handelsstrategie koste Europa Arbeitsplätze, weshalb der Kontinent insbesondere in der Automobil- und Chemieindustrie auf mehr Technologietransfer dringen müsse. Merz sicherte der Ukraine weitere Unterstützung zu und wandte sich in seinen Ausführungen gegen Russland.
Ein Bündnis vor der praktischen Bewährungsprobe
Der Ministerrat von Brühl fällt in eine Phase, in der die europäische Sicherheitsarchitektur unter dem Eindruck des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine und wachsender Zweifel an der langfristigen Verlässlichkeit der amerikanischen Sicherheitsgarantie neu vermessen wird. Deutschland hat seit Beginn des Krieges mit der sogenannten Zeitenwende eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben und eine Modernisierung der Bundeswehr eingeleitet. Frankreich verfolgt seit Jahrzehnten das Ziel einer strategisch autonomeren europäischen Verteidigung und hatte europäischen Partnern bereits vor Jahren angeboten, sich unter seinen nuklearen Schutzschirm zu stellen. Frankreich und Großbritannien sind die einzigen westeuropäischen Staaten mit eigenen Atomwaffen.
Das Scheitern von FCAS als gemeinsamem Flugzeugbauprojekt zeigt zugleich, wie schwer sich die beiden wichtigsten Volkswirtschaften der EU auch nach Jahren der Verhandlungen mit der industriellen Umsetzung gemeinsamer Rüstungsvorhaben tun. Ob die neu vereinbarte nukleare Zusammenarbeit und die auf wenige Projekte konzentrierte Rüstungsagenda tragfähiger sind als das gescheiterte Kampfjet-Vorhaben, dürfte sich erst in den kommenden Jahren zeigen. Entscheidend wird sein, ob aus den in Brühl getroffenen Absichtserklärungen konkrete, industriell und finanziell abgesicherte Programme werden.