Die Staats und Regierungschefs der führenden demokratischen Wirtschaftsmächte einigen sich am zweiten Gipfeltag in Évian auf eine koordinierte Offensive gegen den russischen Energiesektor. Großbritannien und Kanada kündigen umfangreiche nationale Sanktionspakete an, während Präsident Trump eine Rückkehr zu vollen amerikanischen Ölsanktionen in Aussicht stellt.
Die Staats und Regierungschefs der führenden demokratischen Wirtschaftsmächte haben sich auf dem G7 Gipfel im französischen Évian auf eine deutliche Verschärfung der wirtschaftlichen Sanktionen gegen die Russische Föderation verständigt. Der von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ausgerichtete Gipfel findet vom 15. bis zum 17. Juni 2026 in Évian les Bains am Genfersee statt, zwei Jahrzehnte nach dem letzten Treffen dieser Art am selben Ort.
Im Zentrum der neuen Beschlüsse steht eine koordinierte Offensive gegen den russischen Öl und Gassektor, mit der die finanziellen Ressourcen Moskaus für die Fortführung des Angriffskrieges gegen die Ukraine gezielt eingeschränkt werden sollen.
Ukraine im Mittelpunkt des zweiten Gipfeltags
Am zweiten Verhandlungstag, dem 16. Juni, war der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj als Gast zu den Beratungen eingeladen. Unter der Überschrift Aufbau von Frieden und Sicherheit für die Ukraine und Europa verständigten sich die G7 Staaten in einer gemeinsamen Erklärung darauf, die Sanktionen weiter zu verschärfen, ausdrücklich auch im Öl und Gassektor. Zugleich vereinbarten sie, die Lieferung weitreichender Waffensysteme sowie von Luftverteidigungskapazitäten auszuweiten.
Nach Angaben der G7 soll damit jene Dynamik unterstützt werden, die sich in den vergangenen Monaten durch ukrainische Geländegewinne an der Front entwickelt hat. EU Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen brachte die Einschätzung der europäischen Delegationen auf den Punkt, das Blatt wende sich zugunsten der Ukraine.

Trump verlagert den Fokus zurück nach Osteuropa
Eine Schlüsselrolle bei den Beratungen kam US Präsident Donald Trump zu, der seine außenpolitische Aufmerksamkeit nach Monaten intensiver diplomatischer Bemühungen im Iran Konflikt nun wieder auf Osteuropa richtet. Trump kündigte an, die zeitweise gelockerten amerikanischen Sanktionen gegen russische Ölexporte in absehbarer Zeit wieder vollständig in Kraft zu setzen. Washington hatte die Restriktionen während der akuten Phase der Nahostkrise gelockert, um die durch die zeitweise blockierte Straße von Hormus stark gestiegenen globalen Energiepreise zu dämpfen.
Nachdem sich die Lage am Golf nach einer Vereinbarung zwischen den USA und Iran wieder entspannt hatte und Öl erneut in größerem Umfang floss, sehe man nun den richtigen Zeitpunkt für eine Rückkehr zum bisherigen Sanktionskurs, sagte Trump gegenüber Journalisten in Évian. Auf einen konkreten Zeitpunkt legte er sich dabei nicht fest, ebenso blieb offen, ob er lediglich zum früheren Sanktionsniveau zurückkehren oder darüber hinausgehende neue Maßnahmen gegen Russland verhängen will.

Merz sieht ein neues Fenster für Diplomatie
Bundeskanzler Friedrich Merz sprach am Rande der Beratungen von einem neu geöffneten Fenster für die Diplomatie. Bereits im Vorfeld des Gipfels hatte sich der Kanzler vorsichtig optimistisch zu den Aussichten auf Verhandlungen über eine Friedensregelung für die Ukraine geäußert. Die Einschätzung teilten auch andere europäische Delegationen, die die militärische Dynamik auf dem Schlachtfeld zunehmend zugunsten Kyjiws kippen sehen.
Nationale Sanktionspakete flankieren den gemeinsamen Beschluss
Die einzelnen Mitgliedstaaten ergänzten die gemeinsame Erklärung um weitreichende nationale Maßnahmenpakete, die vor allem auf die Umgehungskanäle der russischen Kriegswirtschaft zielen. Der britische Premierminister Keir Starmer bestätigte für das Vereinigte Königreich die Einführung von 70 neuen Sanktionsmaßnahmen, die sich gezielt gegen 20 weitere Tanker der sogenannten russischen Schattenflotte richten.
Diese Schiffe dienen nach Einschätzung westlicher Regierungen dem illegalen Transport von russischem Rohöl unter Umgehung bestehender Sanktionen. Bereits Anfang Juni hatte die britische Marine in Abstimmung mit Frankreich einen Öltanker der Schattenflotte im Ärmelkanal gestoppt, nach britischen Angaben umfasst diese Flotte insgesamt mehr als 700 Schiffe.
Kanadas Premierminister Mark Carney kündigte parallel eine Erweiterung der nationalen Sanktionsliste um 162 Personen, Unternehmen und Schiffe an. Die konzertierte Aktion soll den Druck auf den engeren Kreis um Wladimir Putin erhöhen und erfolgt als unmittelbare politische Reaktion auf jüngste schwere russische Luftangriffe, bei denen unter anderem Teile des historischen Höhlenklosters in Kyjiw beschädigt wurden.
Trotz vorangegangener bilateraler Telefonate Trumps mit Präsident Selenskyj und Kremlchef Putin ließ der amerikanische Präsident die konkrete Ausgestaltung möglicher amerikanischer Vermittlungsinitiativen in Évian weitgehend offen. Wie es nach dem Gipfel mit den angekündigten Sanktionsverschärfungen und den diplomatischen Bemühungen um ein Ende des Krieges weitergeht, dürfte sich erst in den kommenden Wochen zeigen.