Ukraine will mit „Build with Ukraine“-Initiative gemeinsame Produktionsstandorte für Drohnen und elektronische Kampfführung in Europa etablieren.

Am Vorabend des G7-Gipfels im französischen Évian-les-Bains (15.–17. Juni) zeichnet sich eine fundamentale Neuausrichtung der ukrainischen Außen- und Verteidigungspolitik ab. Angesichts veränderter politischer Rahmenbedingungen in Washington und einer drohenden Erschöpfung traditioneller westlicher Rüstungskapazitäten setzt der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf eine offensive Rüstungsdiplomatie. Im Zentrum seiner Strategie steht das Konzept „Build with Ukraine“ – eine tiefgreifende industrielle Kooperation bei der Produktion von unbemannten Systemen und fortschrittlicher Elektronischer Kampfführung (EW), die direkt auf europäischem Boden verankert werden soll.
Abkehr von reinen Hilfsbitten: Die Logik der Co-Produktion
Der diplomatische Vorstoß, den Selenskyj in den vergangenen Tagen in intensiven Vorgesprächen – unter anderem bei einem strategischen E3-Ukraine-Treffen in London sowie in Telefonaten mit dem französischen Gastgeber Emmanuel Macron – vorbereitet hat, markiert einen Paradigmenwechsel. Kiew tritt in Évian nicht mehr primär als Bittsteller für fertige Waffensysteme auf, sondern als technologischer Partner mit unschätzbarer Kriegserfahrung.
Die Logik hinter dieser Initiative ist ebenso pragmatisch wie geopolitisch zwingend: Während die USA unter der aktuellen Administration bilaterale Militärhilfen weitgehend eingefroren haben, wächst der Druck auf die europäischen G7-Staaten, die langfristige Last der Unterstützung zu tragen. Gleichzeitig leidet die europäische Rüstungsindustrie nach wie vor unter bürokratischen Trägheiten und langsamen Skalierungsprozessen. Kiew bietet hierfür eine Lösung: die Kombination aus westlichem Kapital und ukrainischer Agilität. Ukrainische Drohnenpioniere haben auf dem Schlachtfeld Innovationszyklen von oft nur wenigen Wochen entwickelt – eine Geschwindigkeit, von der traditionelle Rüstungskonzerne im Westen nur träumen können.
Durchbrüche auf der ILA Berlin als Blaupause für die G7
Dass diese Strategie keine theoretische Absichtserklärung bleibt, zeigten bereits die wegweisenden Abschlüsse auf der Internationalen Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) in Berlin vor wenigen Tagen. Dort unterzeichnete der europäische Luftfahrtriese Airbus Defence and Space ein Memorandum of Understanding mit dem führenden ukrainischen Verteidigungsunternehmen SkyFall – dem Hersteller der berüchtigten „Vampire“-Drohnen. Ziel der Allianz ist die gemeinsame Entwicklung von Abfangdrohnen der nächsten Generation (wie dem System P1-SUN) sowie deren Integration in das westliche Luftverteidigungsnetzwerk (AirC2). Fast zeitgleich vereinbarte das deutsche Unternehmen INTEC eine strategische Kooperation mit dem ukrainischen Hersteller Skyeton zur Produktion des taktischen Aufklärungssystems „Raybird“ für den europäischen Markt.
Diese jüngsten Erfolge dienen Selenskyj als Hebel für die Verhandlungen in Évian. Er wird den G7-Führern vorschlagen, dieses Modell der Joint Ventures massiv auszuweiten. Vorgesehen ist der Aufbau von insgesamt zehn Rüstungs- und Exporthubs in europäischen Hauptstädten wie London, Berlin und Kopenhagen bis Ende des Jahres. Westliche Staaten sollen die Produktionslinien finanzieren und zertifizieren, während ukrainische Firmen das technologische Know-how und die kampferprobte Software – insbesondere KI-gestützte Zielerfassungssysteme – beisteuern.
Das Dilemma von Évian: Territorien, Sanktionen und die US-Rolle
Die diplomatische Aufgabe für Selenskyj in Frankreich ist indessen hochkomplex. Laut Elisée-Kreisen wird die Ukraine-Frage bereits in der ersten Arbeitssitzung des Gipfels eine zentrale Rolle einnehmen. Die europäischen Partner, allen voran Frankreich und Deutschland, sind bestrebt, eine geschlossene Front zu demonstrieren, um den Druck auf Moskau aufrechterhalten zu können. Doch die Präsenz von US-Präsident Donald Trump wirft lange Schatten auf das Treffen. Während europäische Diplomaten betonen, dass es keinesfalls an der Zeit sei, Sanktionen zu lockern, signalisiert Washington zunehmend das Drängen auf baldige Verhandlungen.
Für Selenskyj bietet die forcierte Rüstungskooperation mit Europa daher auch eine strategische Rückversicherung. Indem er die ukrainische Verteidigungsindustrie unumkehrbar mit der europäischen Sicherheitsarchitektur verflicht, schafft er Fakten, die auch von künftigen diplomatischen Kurswechseln unberührt bleiben sollen. Das Ziel in Évian ist klar definiert: Kiew will nicht nur den aktuellen Abwehrkampf sichern, sondern sich als integraler, unverzichtbarer Pfeiler der künftigen europäischen Verteidigungsindustrie und des technologischen Ökosystems des Westens etablieren.