Nach 31 Tagen zwischen Markt der Ideen, Musikarena und Biogastronomie geht Münchens größtes Kulturfestival am 19. Juli 2026 zu Ende. Ein Rundgang durch den Olympiapark Süd am letzten Festivalwochenende.
Wer am Samstag über den Spiridon Louis Ring in Richtung Olympiapark Süd läuft, merkt schon vor dem eigentlichen Eingang, dass sich das Tollwood Sommerfestival seinem Ende nähert. Familien mit Kinderwagen, Studenten, Touristen mit Kameras und Münchner, die das letzte Wochenende noch nutzen wollen, strömen gemeinsam auf das Gelände zu. Seit dem 19. Juni verwandelt das Festival den südlichen Teil des Olympiaparks in eine temporäre Stadt aus Zelten, Bühnen und Ständen, am 19. Juli 2026 schließt sich dieses Kapitel für dieses Jahr bereits wieder.
Schon wenige Schritte hinter dem Eingang verändert sich die Atmosphäre. Der Verkehrslärm der Stadt tritt in den Hintergrund, stattdessen bestimmen Straßenmusik, Gesprächsfetzen in unterschiedlichen Sprachen und der Duft internationaler Küche das Bild. Direkt am Eingang empfängt in diesem Jahr ein überlebensgroßes anatomisches Herz die Besucher, das über einer begehbaren Herzkammer schwebt.

Der künstlerische Leiter des Festivals, Bastian Kabuth, beschreibt die Installation als Reaktion auf eine Zeit, in der Menschen sich zunehmend voneinander entfernten. Das Herz am Eingang solle daran erinnern, anderen wieder mit mehr Empathie zu begegnen. Es ist der zentrale Ausdruck des diesjährigen Mottos “Mit Gefühl statt nur dabei, die Rückeroberung der Empathie”, das sich als roter Faden durch Installationen, Gesprächsformate und interaktive Aktionen auf dem gesamten Gelände zieht.
Markt der Ideen als Herzstück des Festivals
Im Zentrum des Geländes liegt weiterhin der Markt der Ideen, seit Jahrzehnten das Markenzeichen des Tollwood. In diesem Jahr präsentieren rund 170 Stände Kunsthandwerk aus aller Welt, von Schmuck und Keramik über nachhaltige Mode bis zu Upcycling Produkten, darunter Jacken, die aus Reststoffen gefertigt werden und jeweils ein Unikat sind.
Tollwood verlangt von den Ausstellern konsequent Fair Trade Qualität, wo es kein offizielles Siegel gibt, verlangen die Veranstalter persönliche Herstellererklärungen. Viele Produkte entstehen in kleinen Werkstätten und werden direkt von den Herstellern verkauft, das Gespräch mit den Ausstellern gehört für viele Besucher ebenso zum Erlebnis wie der Einkauf selbst. Parallel dazu laden Biogastronomie aus allen Kontinenten sowie zahlreiche vegetarische und vegane Angebote zum Verweilen ein.

Für die Musikarena stehen in diesem Sommer insgesamt 32 Konzerte auf dem Programm, darunter Auftritte der Supergroup BEAT, von Rick Astley, Joss Stone, Emeli Sandé, Anastacia, Marla Glen und Bosse sowie die Folkwood Night mit Versengold. Kurzfristig musste Haindling sein Konzert aus gesundheitlichen Gründen absagen, an seiner Stelle sagte Gerhard Polt gemeinsam mit den Well Brüdern spontan zu, noch einmal auf das Tollwood zu kommen.
Wer kein Ticket für die Musikarena hat, findet auf dem übrigen Gelände dennoch stundenlang Programm, mehr als 80 Prozent aller Veranstaltungen finden ohne Eintritt statt. Im Marrakesch Zelt wechseln sich Live Musik und spontane Jam Sessions ab, während auf dem Gelände internationale Straßentheatergruppen, Akrobaten und Performancekünstler auftreten.
Abschied mit Artistik, Tanz und einem Rad ohne feste Bühne
Zum Finale bündelt das Festival noch einmal seine Höhepunkte. Im Amphitheater verbindet die Show Roue Giratoire bis zum Sonntag Artistik, Tanz und Live Musik auf einem rotierenden Rad. Von Freitag bis Sonntag zieht zudem die Compagnie L’immédiat mit ihrer Produktion La lévitation réelle über das Gelände, ohne feste Bühne und ohne Ankündigung taucht die Gruppe irgendwo im Festivalalltag auf und überrascht die Besucher.
Am Sonntag endet die Festivalzeit traditionell mit einem Bauchtanz Finale im Marrakesch Zelt, bei dem Tänzerinnen auftreten, die das Publikum an den vergangenen Festivalsonntagen selbst ins Finale gewählt hat.

Je näher der Abend rückt, desto dichter wird das Gedränge auf den Wegen zwischen den Zelten. Viele Besucher bleiben bis in die Nacht, das Gelände ist an Wochenenden bis 1 Uhr geöffnet, der Markt schließt bereits um 23 Uhr 30. Dennoch wirkt das Tollwood auch am letzten Wochenende nicht hektisch. Zwischen Musik, Essen und Kunst entstehen immer wieder ruhige Orte, an denen Menschen auf den Holzbänken entlang der Wege verweilen, diskutieren oder einfach den Sommerabend genießen.
Der Zauber des Augenblicks als Herzstück des sommerlichen Kulturhöhepunkts
Kurz vor dem Ende des Festivals ist auch eine gewisse Abschiedsstimmung spürbar. Unter Festivaldirektorin Rita Rottenwallner und ihrem Team ist daraus über 31 Tage einer der vielseitigsten Kulturtreffpunkte der Stadt geworden. Was in diesen Wochen wie eine kleine Stadt mit Bühnen, Restaurants, Werkstätten und Ausstellungen wirkt, verschwindet anschließend wieder bis zum nächsten Sommer.
An einem Imbissstand mit exotischer Küche berichtet der Betreiber, das Geschäft laufe am Schlusswochenende noch einmal deutlich besser als in den Wochen zuvor, viele Gäste würden noch schnell die Gerichte probieren, die sie sich die ganze Zeit über vorgenommen, aber bislang nicht geschafft hätten.
Zahlreiche Stammgäste kommen jedes Jahr in den Olympiapark und wissen, dass das Gelände bereits wenige Tage nach dem 19. Juli vollständig zurückgebaut wird. Auf einer Bank vor dem Marrakesch Zelt sitzt ein Ehepaar aus Pasing. Die beiden haben nach eigener Aussage kaum ein Jahr verpasst. Man komme nicht wegen einzelner Konzerte, sondern wegen der Atmosphäre, sagt die Frau.
Gerade diese Vergänglichkeit gehört seit jeher zum Charakter des Tollwood Sommerfestivals. Für wenige Wochen entsteht mitten in München ein Ort, an dem internationale Kultur, Nachhaltigkeit, Live Musik und gesellschaftlicher Austausch nebeneinander existieren. Am letzten Festivalwochenende zeigt sich noch einmal, weshalb das Tollwood längst zu den bedeutendsten Kulturveranstaltungen Bayerns zählt und für viele Münchner den eigentlichen Höhepunkt des Kultursommers markiert.