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Sprengstoffdrohne am Flughafen Leipzig Halle: Ermittler prüfen hybriden Anschlag auf kritische Infrastruktur

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Bewaffnete Drohne nahe Antonov-Transportflugzeugen, Kollision einer DHL-Frachtmaschine und Hinweise auf ein mögliches hybrides Anschlagsszenario sorgen für Alarm bei den deutschen Sicherheitsbehörden.
Eine Antonov Airlines Antonov An-124-100M (UR-82027) am Flughafen Leipzig/Halle. Der Flughafen ist ein zentraler Standort für die ukrainische Antonov-Flotte in Deutschland. © MarcelX42 (CC BY-SA 4.0)

Ein Busfahrer auf dem Rollfeld entdeckt kurz vor Mitternacht ein Objekt, das dort nicht hingehört. Wenig später ist klar, worum es sich handelt. Am Flughafen Leipzig/Halle wurde in der Nacht zum 5. August eine Drohne mit Sprengvorrichtung gefunden, in unmittelbarer Nähe von vier Transportflugzeugen der ukrainischen Fluggesellschaft Antonov Airlines. Für die deutschen Sicherheitsbehörden ist es einer der schwerwiegendsten Zwischenfälle an einem deutschen Flughafen der vergangenen Jahre.

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt unterbrach seinen Urlaub in Italien noch in der Nacht. Am Abend des folgenden Tages trat er gemeinsam mit dem sächsischen Innenminister Armin Schuster und der Generalstaatsanwaltschaft vor die Presse. Seine Einschätzung fiel deutlich aus. Es handele sich um ein “hybrides Anschlagsszenario”. Eine mit Sprengstoff bewaffnete Drohne auf einem Flughafengelände, das sei ein neues Bedrohungsszenario, sagte er. Drohnensichtungen kenne man zwar bereits seit Jahren. Der Fund einer tatsächlich sprengstoffbestückten Drohne markiere jedoch eine neue Gefahrenqualität.

Bewaffnete Drohne und zweiter Zwischenfall beschäftigen die Ermittler

Was in dieser Nacht genau geschah, lässt sich inzwischen relativ genau rekonstruieren. Die Drohne befand sich auf der Start- und Landebahn Südpiste, nahe einer ukrainischen Transportmaschine vom Typ Antonow AN-124 Condor. Spezialisten der Bundespolizei sicherten das Fluggerät, ein Entschärfungsroboter kam zum Einsatz. Bei Röntgenaufnahmen fanden die Beamten einen Zünder, der jedoch defekt war. Zu einer Explosion kam es deshalb nicht. Während des gesamten Einsatzes blieb die Südpiste gesperrt, der Flugverkehr wurde zeitweise vollständig eingestellt und später über die Nordbahn abgewickelt.

Zur Art des Sprengstoffs kursieren bislang unterschiedliche Angaben. Erste Schnelltests deuteten offenbar nur auf Nitratverbindungen hin. Später berichteten mehrere Medien unter Berufung auf Sicherheitskreise von Semtex, einem hochexplosiven Plastiksprengstoff auf Basis von PETN und RDX, der sowohl militärisch als auch bei Abrissarbeiten verwendet wird und in der Vergangenheit auch von Terrorgruppen genutzt wurde. Eine offizielle Bestätigung dieser Details steht bislang aus. Die Ermittlungsbehörden selbst sprechen zurückhaltender von einer noch andauernden Auswertung.

Für zusätzliche Verwirrung sorgte in derselben Nacht ein zweiter Vorfall. Eine DHL-Frachtmaschine, die wegen der Flughafensperrung nicht wie geplant in Leipzig landen konnte, musste durchstarten und kollidierte dabei in mehreren hundert Metern Höhe mit einem bislang unbekannten Objekt. Berichten zufolge geschah dies rund sechs Kilometer vom Flughafen entfernt in etwa 400 Metern Höhe. Die Maschine flog dennoch weiter und landete sicher, wenn auch mit leichten Schäden im Frontbereich, in Hannover. Sachsens Landeskriminalamt sprach von einem mutmaßlich zweiten unbekannten Flugobjekt. Am Morgen nach dem Fund dauerte die Suche nach möglichen Teilen dieser zweiten Drohne noch an. Ob ein Zusammenhang zum ersten Fund besteht, ist bis heute nicht geklärt.

Dobrindt sieht hybrides Anschlagsszenario und warnt vor neuer Bedrohung

Die Ermittlungen liegen bei der Generalstaatsanwaltschaft Dresden, gemeinsam mit dem Landeskriminalamt Sachsen, dem Polizeilichen Terrorismus- und Extremismus-Abwehrzentrum sowie weiteren Bundesbehörden. Auch das Gemeinsame Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen wurde eingebunden, ebenso das Gemeinsame Drohnenabwehrzentrum. Beide Stellen seien aktiv, betonte Dobrindt.

Zur Frage möglicher Täter äußerte sich der Minister vorsichtig, aber keineswegs ausweichend. Man habe es mit professionellem Vorgehen zu tun, sagte er, ein hohes Maß an Technikerfahrung sei ebenso nötig gewesen wie Erfahrung im Umgang mit Sprengstoff. Das alles deute nicht auf amateurhaftes Vorgehen hin, so Dobrindt, man rede hier von einer professionellen hybriden Bedrohungslage. Eine konkrete Zuordnung zu einem bestimmten Staat vermied er dabei ausdrücklich. Fremde Mächte schloss er als mögliche Drahtzieher jedoch nicht aus. Alle Spekulationen über Herkunft und Urheber seien nun Teil der Ermittlungen, mahnte er zugleich zur Vorsicht, weil sich viele dieser Spekulationen am Ende als grundfalsch erweisen könnten.

Flughafen Leipzig Halle als strategischer Standort im Ukraine Krieg

Der Flughafen Leipzig/Halle ist dabei kein zufälliger Ort. Er zählt zu den wichtigsten Luftfrachtdrehkreuzen Europas und dient seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 als zentraler Standort der Antonov-Flotte. Eine wiederkehrende Strecke führt von dort zum polnischen Flughafen Rzeszów-Jasionka, dem wichtigsten westlichen Logistikdrehkreuz für die Unterstützung der Ukraine. Antonov Airlines hat ihre Transportflotte nach Leipzig verlegt und baut dort einen neuen Wartungshangar. Ob die Drohne gezielt auf die nahegelegenen Antonow-Maschinen abzielte, ist bislang nicht bestätigt, drängt sich als Vermutung aber auf.

Sicherheitsexperten bewerten den Vorfall als möglichen Wendepunkt. Der ARD-Sicherheitsexperte Holger Schmidt sprach von einer neuen Qualität, weil es zwar zahlreiche Drohnensichtungen über deutschen Flughäfen gegeben habe, nicht jedoch bislang den Fund einer tatsächlich mit Sprengstoff ausgestatteten Drohne. Der Sicherheitsexperte Nico Lange ordnete den Vorfall in ein größeres Muster ein. Er passe grundsätzlich zu jener Art hybrider Angriffe, wie sie Russland seit Jahren gegen europäische Staaten führe. Einen Beweis für eine russische Beteiligung gibt es bislang allerdings nicht, das betonen sowohl Lange als auch die Ermittlungsbehörden übereinstimmend.

Der Fall erinnert an frühere Sabotagevorfälle am selben Standort. Bereits 2024 wurde in einem DHL-Logistikzentrum am Flughafen Leipzig ein Brandsatz in einem für Großbritannien bestimmten Paket entdeckt. Deutsche Ermittler führten diesen Vorfall später auf eine Operation russischer Geheimdienste zurück. Mehrere mutmaßliche Mitglieder des damaligen Sabotagenetzwerks müssen sich derzeit in Litauen vor Gericht verantworten. Ob zwischen den damaligen Ereignissen und dem aktuellen Fund eine Verbindung besteht, prüfen die Ermittler nun ebenfalls.

Eingebettet ist der Vorfall zudem in einen längeren Trend. Nach Angaben der Deutschen Flugsicherung registrierte man allein im ersten Halbjahr 2026 rund 145 Behinderungen des Flugbetriebs an deutschen Flughäfen durch Drohnen. In den meisten Fällen ließen sich die Steuerer nicht identifizieren. Erst im Juli hatten Behörden in Bayern einen moldauischen Staatsangehörigen festgenommen, dem vorgeworfen wird, mit einer Drohne ein deutsches Rüstungsunternehmen ausgespäht zu haben. Auch dort schließen Sicherheitskreise eine Verbindung zu russischen Nachrichtendiensten nicht aus.

Politisch entfaltet der Vorfall bereits erste Folgen. Die Grünen fordern eine Sitzung des Nationalen Sicherheitsrates. Der Flughafenverband ADV wiederum drängt auf eine schnellere Ausstattung deutscher Flughäfen mit modernen Systemen zur Drohnenabwehr. Nach Angaben des Verbandes warten unter anderem die großen Standorte Berlin, München, Düsseldorf, Hamburg, Stuttgart, Köln/Bonn und eben Leipzig/Halle noch immer auf die vom Bund angekündigten Detektions- und Abwehrsysteme. Der Vorfall dürfte diesem Anliegen zusätzlichen Nachdruck verleihen.

Während die kriminaltechnischen Untersuchungen andauern, bleiben zentrale Fragen offen. Für die deutschen Sicherheitsbehörden markiert der Vorfall schon jetzt eine Zäsur, unabhängig davon, wie die einzelnen Fragen am Ende beantwortet werden. Bewaffnete Drohnen gelten seither nicht mehr nur als theoretisches Risiko, sondern als reale und akute Bedrohung für kritische Infrastruktur und den zivilen Luftverkehr in Deutschland.

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