Der ungewöhnliche Währungseingriff von Washington und Tokio sorgt in Frankfurt für Irritationen und stellt die jahrzehntelange Zusammenarbeit westlicher Zentralbanken infrage.

Die internationale Währungsordnung erlebt in diesen Tagen einen ungewöhnlichen Eingriff. Die USA haben gemeinsam mit Japan am vergangenen Donnerstag und Freitag am Devisenmarkt interveniert, um den stark gefallenen Yen zu stabilisieren. Das Besondere daran ist nicht allein das gemeinsame Vorgehen Washingtons und Tokios. Erstmals seit fast 3 Jahrzehnten verkaufte die amerikanische Seite dabei Euro, um Yen zu kaufen. Die Europäische Zentralbank wurde laut Financial Times erst informiert, nachdem die Transaktionen bereits abgeschlossen waren.
Der Blick richtet sich damit inzwischen nicht mehr nur auf die Frage, ob Japan seine Währung stabilisieren kann. Im Mittelpunkt steht zunehmend auch die Frage, wie sich die Beziehungen zwischen den großen westlichen Währungsbehörden verändern. Umfangreiche Deviseninterventionen werden normalerweise zwischen den beteiligten Zentralbanken und Finanzministerien eng abgestimmt. Dass Washington seine Euroreserven für eine Operation zugunsten des Yen einsetzte, ohne die EZB vorher einzubeziehen, hat deshalb in Frankfurt für Irritation gesorgt.
Washington greift ungewöhnlich in den Devisenmarkt ein
Die Operation wurde von der Federal Reserve Bank of New York im Auftrag des amerikanischen Finanzministeriums durchgeführt. Die USA verkauften Euro und erwarben dafür Yen. Damit sollte die japanische Währung gestützt werden, nachdem der Yen gegenüber dem Dollar auf ein Niveau gefallen war, das zuletzt Mitte der 1980er Jahre erreicht worden war. Der Dollar war Anfang August zeitweise bei fast 164 Yen gehandelt worden. Nach der Intervention fiel der Kurs zunächst deutlich und bewegte sich anschließend wieder in Richtung 158 Yen je Dollar.
Die Wahl des Euro als Interventionswährung ist dabei von besonderer Bedeutung. Ein Verkauf von Dollar gegen Yen hätte den Eindruck erwecken können, Washington wolle den Wert der eigenen Währung gezielt schwächen. Das hätte der von Finanzminister Scott Bessent vertretenen Politik eines starken Dollars widersprochen. Durch den Verkauf von Euro konnte die amerikanische Regierung dagegen direkt auf den Yen einwirken, ohne dabei ein Signal gegen den Dollar zu senden.
Wie groß die amerikanische Transaktion tatsächlich war, ist bislang nicht öffentlich bekannt. Analysen gehen davon aus, dass der Umfang der amerikanischen Operation deutlich kleiner gewesen sein könnte als der japanische Einsatz. Die verfügbaren Dollar und Eurobestände des amerikanischen Finanzministeriums und der Federal Reserve lassen allerdings auch größere Geschäfte zu, insbesondere wenn statt unmittelbarer Kassageschäfte Terminkontrakte eingesetzt wurden. Eine endgültige Offenlegung wird erst später erwartet.
Japan setzt fast 14 Billionen Yen ein
Japan selbst ging deutlich umfangreicher vor. Nach vorläufigen Berechnungen, über die Reuters berichtet, könnten die japanischen Behörden innerhalb von 2 Handelstagen rund 13,8 Billionen Yen beziehungsweise etwa 87 Milliarden Dollar für den Kauf der eigenen Währung eingesetzt haben. Damit wäre der Einsatz größer als die bisherige Rekordintervention Japans von rund 11,73 Billionen Yen im April und Mai.
Die Intervention zeigt, wie ernst die japanische Regierung die anhaltende Schwäche des Yen inzwischen nimmt. Eine schwache Landeswährung verbessert zwar grundsätzlich die Wettbewerbsfähigkeit japanischer Exporteure. Sie verteuert jedoch zugleich importierte Energie, Lebensmittel und Rohstoffe. In einer Volkswirtschaft, in der die Inflation bereits über dem langfristigen Ziel der Bank of Japan liegt, kann eine weitere Abwertung deshalb zu einem politischen und wirtschaftlichen Problem werden.
Die japanische Regierung hat zugleich signalisiert, dass sie weitere Maßnahmen nicht ausschließt. Finanzministerin Satsuki Katayama betonte, Tokio sei bereit, gegen übermäßige Wechselkursschwankungen vorzugehen. Die jüngste Intervention soll daher nicht nur einen kurzfristigen Kurssprung erzeugen. Sie soll auch Spekulanten davon abhalten, darauf zu setzen, dass die japanischen Behörden eine weitere Yen Abwertung widerstandslos hinnehmen.
Die EZB erfährt erst nach dem Eingriff davon
Für Frankfurt ist jedoch ein anderer Aspekt entscheidender. Die EZB wurde laut Financial Times und Bloomberg erst am Freitag über den amerikanischen Verkauf von Euro gegen Yen informiert, nachdem die Transaktionen bereits ausgeführt worden waren. EZB Präsidentin Christine Lagarde und Finanzminister Scott Bessent sprachen am Samstag über die Intervention. Die EZB und die New York Fed wollten sich dazu nicht öffentlich äußern.
Mehrere europäische Entscheidungsträger werteten das Vorgehen laut Reuters als ungewöhnlichen Bruch mit jahrzehntelangen Gepflogenheiten. Seit dem Zweiten Weltkrieg beruhte die Zusammenarbeit zwischen den westlichen Zentralbanken und Finanzministerien wesentlich auf gegenseitiger Information und Konsultation. Gerade bei Deviseninterventionen galt eine enge Abstimmung als Instrument zur Begrenzung unerwarteter Marktverwerfungen.
Die amerikanische Seite weist diesen Vorwurf allerdings zurück. Das amerikanische Finanzministerium erklärte, Entscheidungen über die Aufteilung der Reserven innerhalb des Exchange Stabilization Fund würden in Washington selbst getroffen. Dabei würden unter anderem die Liquidität an den Märkten, Bewertungen und weitere relevante Faktoren berücksichtigt. Eine vorherige Abstimmung mit ausländischen Behörden sei bei dieser Entscheidung nicht erforderlich gewesen.
Damit entsteht ein bemerkenswerter Gegensatz. Die USA greifen auf europäische Währungsreserven zurück, um einen asiatischen Verbündeten zu unterstützen. Die für den Euro verantwortliche Zentralbank erfährt davon erst nach Abschluss der Operation. Die unmittelbaren finanziellen Auswirkungen auf den Euro dürften begrenzt sein. Politisch und institutionell ist der Vorgang jedoch wesentlich gewichtiger.
Hinter der Yen Intervention steht auch der amerikanische Anleihemarkt
Ein weiterer möglicher Grund für das amerikanische Engagement liegt im amerikanischen Anleihemarkt. Japan gehört zu den wichtigsten ausländischen Haltern amerikanischer Staatsanleihen. Eine anhaltende Yen Schwäche könnte den Druck auf Tokio erhöhen, Teile seiner Dollarreserven beziehungsweise amerikanischer Staatsanleihen zu verkaufen, um den Yen zu stützen.
Ein solcher Schritt käme für Washington zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Die langfristigen Renditen amerikanischer Staatsanleihen liegen weiterhin auf hohem Niveau. Am Freitag lag die Rendite zehnjähriger Treasuries bei rund 4,64 Prozent. Die Rendite 30 jähriger Anleihen stieg zeitweise über 5,2 Prozent. Damit sind die Finanzierungskosten des amerikanischen Staates erheblich höher als in den Jahren der extrem lockeren Geldpolitik.
Eine koordinierte Stabilisierung des Yen kann aus amerikanischer Sicht deshalb mehr sein als reine Währungspolitik. Sie kann zugleich dazu beitragen, die Wahrscheinlichkeit großer japanischer Verkäufe amerikanischer Staatsanleihen zu reduzieren. Dieser Zusammenhang ist bislang eine Analyse von Marktbeobachtern und keine offiziell bestätigte Begründung der amerikanischen Regierung.
Die Bank of Japan steht nun unter zusätzlichem Druck
Die Intervention allein löst das grundlegende Problem des Yen allerdings nicht. Der entscheidende Faktor bleibt der Zinsunterschied zwischen Japan und den USA. Die Bank of Japan hält ihren Leitzins derzeit bei 1 Prozent. Bei ihrer Sitzung Ende Juli ließ sie den Satz unverändert, deutete aber eine weitere Straffung an. Die Entscheidung fiel mit 8 zu 1 Stimmen. Ratsmitglied Hajime Takata sprach sich bereits für eine Anhebung auf 1,25 Prozent aus.
Gouverneur Kazuo Ueda erklärte zudem, dass die Bank angesichts der steigenden Risiken für die Inflation besonders aufmerksam bleiben müsse. Erstmals wurde ausdrücklich die Möglichkeit angesprochen, dass die zugrunde liegende Inflation das Inflationsziel von 2 Prozent überschreiten könnte. Damit ist eine Zinserhöhung bereits im September wieder zu einem realistischen Szenario geworden.
Der Druck auf die Bank of Japan kommt dabei von 2 Seiten. Einerseits muss sie verhindern, dass der schwache Yen importierte Inflation weiter verstärkt. Andererseits kann eine zu schnelle Straffung die japanische Wirtschaft belasten. Die Intervention am Devisenmarkt verschafft Tokio zwar Zeit. Sie ersetzt aber keine glaubwürdige geldpolitische Anpassung.
Auch die amerikanische Geldpolitik bleibt ein Unsicherheitsfaktor
Die amerikanische Seite befindet sich selbst in einer schwierigen geldpolitischen Lage. Die Federal Reserve beließ ihren Leitzins Ende Juli bei 3,5 bis 3,75 Prozent. Die Entscheidung fiel allerdings nicht einstimmig. 3 Mitglieder des Offenmarktausschusses wollten den Zinssatz um 25 Basispunkte anheben. Die Fed erklärte zugleich, die Inflation liege weiterhin über ihrem Inflationsziel von 2 Prozent.
Die jüngsten Arbeitsmarktdaten haben das Bild inzwischen verändert. Im Juli verloren die USA überraschend 23.000 Arbeitsplätze. Zugleich wurden die Beschäftigungszahlen für Mai und Juni zusammen um 103.000 nach unten korrigiert. Die Arbeitslosenquote sank zwar leicht auf 4,1 Prozent, allerdings vor allem deshalb, weil die Zahl der Erwerbspersonen zurückging. Die schwachen Arbeitsmarktdaten führten am Freitag zu niedrigeren Anleiherenditen und reduzierten die Erwartungen an weitere Zinserhöhungen.
Für die Devisenmärkte entsteht damit eine ungewöhnliche Konstellation. Die USA wollen einen starken Dollar erhalten, während die Federal Reserve mit einer weiterhin zu hohen Inflation und einem sich abschwächenden Arbeitsmarkt konfrontiert ist. Japan wiederum versucht, den Yen zu stabilisieren, ohne seine Wirtschaft durch eine zu schnelle Zinserhöhung zu belasten.
Intervention kann den Yen bremsen, aber nicht dauerhaft drehen
Die jüngste Entwicklung zeigt deshalb die Grenzen staatlicher Eingriffe. Eine Zentralbank oder ein Finanzministerium kann durch den Einsatz großer Reserven einen Wechselkurs kurzfristig deutlich bewegen. Dauerhafte Wechselkursveränderungen hängen jedoch stärker von Zinsdifferenzen, Inflation, Kapitalströmen und den Erwartungen der Marktteilnehmer ab.
Aus diesem Grund beobachten Händler nun die Bank of Japan stärker als die Intervention selbst. Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September ist zuletzt gestiegen. Die schwächere amerikanische Konjunktur könnte zugleich die Erwartungen an die Federal Reserve verändern. Beide Entwicklungen wirken in Richtung eines stärkeren Yen, allerdings aus völlig unterschiedlichen Gründen.
Die Intervention hat damit eine neue politische Dimension bekommen. Washington unterstützt Tokio zwar unmittelbar bei der Stabilisierung seiner Währung, erwartet aber offenbar zugleich, dass Japan selbst mit höheren Zinsen gegen die Ursachen der Yen Schwäche vorgeht. Bessents öffentliche Forderung nach einer stärkeren geldpolitischen Reaktion erhöht den Druck auf die ohnehin unabhängige Bank of Japan. Reuters bezeichnet diese Entwicklung bereits als möglichen Hinweis auf eine neue Form amerikanischer Währungspolitik, bei der die Finanzmacht Washingtons stärker zur Unterstützung strategischer Partner eingesetzt wird.
Ein neues Kapitel der internationalen Währungspolitik
Die eigentliche Bedeutung der Intervention liegt deshalb möglicherweise weniger in den Milliarden, die Japan und die USA am Devisenmarkt eingesetzt haben, als in der Veränderung der internationalen Zusammenarbeit. Washington hat erstmals seit 1998 gemeinsam mit Tokio direkt auf den Yen eingewirkt und dabei Euro statt Dollar verkauft. Die EZB wurde dabei erst nach Abschluss der Operation informiert.
Für Europa ist das ein bemerkenswertes Signal. Der Euro ist damit nicht nur eine europäische Währung, sondern wurde zum Instrument einer amerikanisch japanischen Intervention. Dass dies ohne vorherige Abstimmung mit Frankfurt geschah, zeigt, dass sich die Regeln der internationalen Finanzkoordinierung verändern können, wenn nationale Interessen unmittelbarer in den Vordergrund rücken.
Kurzfristig hat die Intervention den Yen stabilisiert. Dauerhaft wird sie jedoch nur dann erfolgreich sein, wenn Japan seine geldpolitische Normalisierung fortsetzt und die USA ihre eigene Inflations und Zinsproblematik unter Kontrolle bringen. Offen bleibt zugleich, ob Washington bei einer erneuten Yen Schwäche wieder eingreifen würde.
Darin liegt das größere Risiko für die globalen Finanzmärkte. Wenn Marktteilnehmer künftig nicht mehr nur mit den Entscheidungen von Fed, EZB und Bank of Japan rechnen müssen, sondern zusätzlich mit kurzfristigen Interventionen der Finanzministerien, wird die Wechselkursbildung schwerer vorhersehbar. Die historische Aktion von Washington und Tokio könnte damit weniger als einmaliger Eingriff in Erinnerung bleiben als vielmehr als Beginn einer neuen Phase, in der Währungspolitik wieder stärker zum geopolitischen Instrument wird.