Neue Perspektiven für eine Welt im Wandel


Die Hitze trifft den Süden: Deutschlands Landwirtschaft erlebt 2026 massive Ernteverluste

·

Getreideernte fällt deutlich schlechter aus als erwartet. Bayern und Baden-Württemberg besonders stark betroffen, Versorgung und Brotpreise bleiben dennoch vorerst stabil.

Die deutsche Getreideernte 2026 fällt deutlich schwächer aus, als es noch im Frühsommer aussah. Nach der abschließenden Erntebilanz des Deutschen Raiffeisenverbands, die Getreidemarktexperte Guido Seedler am 13. August in Berlin vorstellte, beläuft sich der wirtschaftliche Schaden durch Hitze und Trockenheit mittlerweile auf mehr als 600 Millionen Euro. Seit Mitte Juni seien rund drei Millionen Tonnen Getreide und Raps verloren gegangen. Der DRV vertritt als Verband 1600 genossenschaftliche Unternehmen im Agrarhandel und in der Verarbeitung, seine Zahlen gelten als eine der verlässlichsten Quellen zur Erntesaison.

Mit voraussichtlich 40,6 Millionen Tonnen liegt die deutsche Getreideernte gut 10 Prozent unter dem Vorjahreswert von rund 45 Millionen Tonnen und auch deutlich unter dem Fünfjahresdurchschnitt von 42,5 Millionen Tonnen. Bei Raps rechnet der Verband mit etwa 3,7 Millionen Tonnen, nach 4 Millionen Tonnen im Vorjahr. Auf den Tag heruntergerechnet ergibt das eine drastische Zahl. Rechnet man die rund 60 Tage anhaltende Hitzeperiode seit Mitte Juni zugrunde, sprach Seedler von Einbußen in Höhe von etwa zehn Millionen Euro pro Tag. 2026 werde als Hitzejahr in die Geschichte der deutschen Landwirtschaft eingehen.

Ein gutes Frühjahr, dann kippte die Lage

Noch bis Mitte Juni hatte der DRV mit einer überdurchschnittlichen Ernte gerechnet, mit 44 Millionen Tonnen Getreide und 4,2 Millionen Tonnen Raps. Eine gute Winterfeuchte und eine zunächst günstige Bestandesentwicklung nährten diese Hoffnung. Ab Ende Juni und verstärkt ab Mitte Juli kletterten die Temperaturen dann regional über 40 Grad, in manchen Regionen deutlich darüber. Seedler machte auf der Pressekonferenz eine einfache Rechnung auf. Bei 40 Grad im Schatten könnten auf freier Fläche 50 Grad oder mehr erreicht werden, und bei solchen Werten verbrenne das Getreide auf dem Halm buchstäblich.

Besonders spät abreifende Kulturen litten am stärksten. Beim Winterweizen rechnet der Verband mit kleineren Körnern, niedrigeren Inhaltsstoffen und schwächerer Backqualität. Die Proteinwerte fielen regional sehr unterschiedlich aus, ein steigender Anteil an Futterweizen zeichnet sich bereits ab, auch wenn belastbare Qualitätsauswertungen noch ausstehen. Die früh reifende Wintergerste kam vergleichsweise glimpflich davon, mit einer erwarteten Menge von 9,3 Millionen Tonnen etwa auf Vorjahresniveau, wenn auch mit kleineren Körnern und niedrigeren Hektolitergewichten. Deutlich schlechter sieht es bei Sommergerste und Winterweizen aus. Beim Winterweizen erwartet der Verband 19 Millionen Tonnen, rund 15 Prozent weniger als im Vorjahr, bei Sommergerste sogar ein Minus von etwa 24 Prozent auf 1,4 Millionen Tonnen. Auch beim Körnermais rechnet der DRV mit einem Rückgang von etwa 14 Prozent auf 4,2 Millionen Tonnen, mit weiterem Abwärtsrisiko, da die Ernte hier erst im Herbst abgeschlossen wird.

Beim Raps sieht Seedler die Ursache nicht allein in der Trockenheit. Die tiefwurzelnde Pflanze konnte Wasserreserven aus tieferen Bodenschichten besser erschließen als flachwurzelnde Kulturen. Stärker ins Gewicht fielen Schädlingsdruck und eingeschränkte Möglichkeiten beim Pflanzenschutz. In Teilen Mecklenburg Vorpommerns wurden deshalb statt der früher üblichen vier Tonnen pro Hektar teils nur noch anderthalb bis zwei Tonnen gedroschen. Immerhin fielen die Ölgehalte im Schnitt zufriedenstellend aus.

Scharfes Nord-Süd Gefälle

Die Erntebilanz zeigt ein ausgeprägtes regionales Muster. Schleswig Holstein dürfte laut DRV nahezu das Vorjahresniveau erreichen, auch im Norden und Osten Deutschlands bewegen sich die Ergebnisse überwiegend im Bereich des langjährigen Durchschnitts. Anders sieht es im Süden aus. In Baden Württemberg und Bayern rechnet der Verband mit Ertragseinbußen von bis zu 20 Prozent. Je weiter man nach Süden komme, desto problematischer werde die Situation, brachte Seedler die Entwicklung auf den Punkt. Entscheidend ist dabei vor allem der Körnermais, der in Bayern und Baden Württemberg in großem Umfang angebaut wird und dessen Bestände vielerorts regelrecht zu verdorren drohen. Auch beim Silomais und bei der Konkurrenz um Futterflächen bleibt die Lage offen, eine abschließende Bewertung ist erst nach der Maisernte im Herbst möglich.

Landwirtschaftliche Flächen bei Dorsten, Nordrhein-Westfalen, Sommer 2026. © Dietmar Rabich / CC BY-SA 4.0

Mit dem aktuellen Ergebnis wäre 2026 die drittschlechteste Getreideernte der vergangenen zehn Jahre. Ein Vergleich mit dem historischen Dürrejahr 2018 liegt nahe, trifft nach Seedlers Einschätzung aber nicht ganz zu. Damals waren die Ausfälle über das gesamte Bundesgebiet verteilt gravierend, in diesem Jahr konzentriert sich das Geschehen deutlich stärker auf die Südhälfte Deutschlands.

Der Ertragsrückgang trifft viele landwirtschaftliche Betriebe zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Gleichzeitig steigen die Kosten für Energie und Betriebsmittel, zusätzliche bürokratische Belastungen kommen hinzu. Niedrigere Erträge treffen damit auf eine wirtschaftlich ohnehin angespannte Lage. Dennoch bezeichnete Seedler das Ergebnis unter dem Strich als eine noch ausreichende, wenn auch unterdurchschnittliche Ernte, die Verluste kämen für die unter starken Kostensteigerungen leidende Branche jedoch als harter Schlag auf der Zielgeraden.

Versorgung bleibt gesichert, die Preise wohl auch

Eine unmittelbare Gefahr für die Versorgung der Bevölkerung sieht der DRV trotz der schwachen Ernte nicht. Der jährliche Getreideverbrauch in Deutschland liegt bei rund 40 Millionen Tonnen, die erwartete Erntemenge von 40,6 Millionen Tonnen deckt diesen Bedarf rechnerisch. Hinzu kommen Restbestände aus der guten Vorjahresernte. Für Brot und Backwaren erwartet der Verband deshalb keine erntebedingten Preissteigerungen. Der Anteil des Getreides am Endpreis eines Brotprodukts liegt nach Angaben des DRV nur im niedrigen Cent Bereich, für die Verbraucherpreise sind Energie, Löhne und Transportkosten deutlich einflussreicher.

Auf den internationalen Agrarmärkten bleibt die Lage dennoch angespannt. Für Europa insgesamt rechnet der Verband mit einer Ernte von rund 263 Millionen Tonnen, deutlich weniger als im Vorjahr. Weltweit liegen Produktion und Verbrauch nach DRV Angaben nahezu gleichauf, geringere Ernten treffen aber gleichzeitig Teile Europas, Südamerikas, Russlands und der Schwarzmeerregion, während geopolitische Risiken und gestörte Handelswege den internationalen Handel zusätzlich belasten. Bei den Fundamentaldaten sei deshalb noch Luft nach oben, so Seedlers Einschätzung zur Preisentwicklung, ob sich eine Einlagerung für einzelne Betriebe lohne, bleibe aber eine individuelle Entscheidung.

Bei knappen Bilanzen entscheidet nicht allein die verfügbare Menge, sondern ob sie rechtzeitig am Bestimmungsort ankommt. Genau hier liegt derzeit eines der größten Probleme. Niedrige Pegelstände auf Rhein, Donau und weiteren Wasserstraßen belasten den Transport von Getreide, Dünger und Futtermitteln erheblich. Binnenschiffe können nach Angaben des DRV teilweise nur noch etwa ein Drittel ihrer üblichen Ladung aufnehmen. Für uns geht die Rechnung dieses Jahr rechnerisch auf, fasste Seedler zusammen, entscheidend sei allein, dass die Logistik funktioniere. Sollten die Exporte aus der Schwarzmeerregion weiter eingeschränkt bleiben, könnte Europa zudem stärker in die Verantwortung geraten, Absatzmärkte in Nordafrika und im Nahen Osten zu beliefern.

Wie groß der tatsächliche Dürreschaden am Ende ausfällt, lässt sich erst nach Abschluss der Ernte seriös beziffern. Bundesagrarminister Alois Rainer hatte bereits vor der Kabinettsbefassung mit der Situation deutlich gemacht, dass eine belastbare Bewertung voraussichtlich erst gegen Ende August möglich sein werde. Eine Beteiligung des Bundes an möglichen Hilfsmaßnahmen käme demnach erst infrage, wenn die Schäden als Ereignis von nationalem Ausmaß eingestuft würden, wofür nicht allein die verlorene Getreidemenge entscheidend ist, sondern die gesamte wirtschaftliche Belastung der Branche.

Schon jetzt zeichnet sich jedoch ab, wie außergewöhnlich dieses Jahr für die deutsche Landwirtschaft ausfällt. Die Versorgung der Bevölkerung bleibt gesichert, die Preise an der Ladentheke dürften vorerst stabil bleiben. Für die betroffenen Betriebe im Süden Deutschlands zeigt die Bilanz vom 13. August aber vor allem eines. Wie schnell anhaltende Hitze und Trockenheit die wirtschaftliche Substanz eines ganzen Wirtschaftszweigs unter Druck setzen können, und wie ungleich diese Last inzwischen zwischen Nord und Süd verteilt ist.

Unterstützen Sie unsere Arbeit!

Ihre Unterstützung ermöglicht es uns, unabhängigen Journalismus fortzuführen und fundierte Analysen zu Politik, Wirtschaft und globalen Entwicklungen frei zugänglich zu machen.

☕ Buy me a coffee

Discover more from The Meridian

Subscribe now to keep reading and get access to the full archive.

Continue reading