
Ein Aktionstag der Fachschaft Ethnologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München(LMU) hat eine neue Debatte über den Umgang deutscher Hochschulen mit antisemitischen Grenzfällen ausgelöst und zieht inzwischen auch politische Stellen in Bayern ein.
Ausgangspunkt der Kontroverse ist eine Veranstaltung unter dem Titel „Flucht und Migration“, bei der die Gruppierung „Palästina spricht“ auf einer Stellwand als beteiligte Organisation aufgeführt worden sein soll. Die Gruppe wird vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet, das ihr im bayerischen Kontext extremistische Bestrebungen und antisemitische Äußerungen zuschreibt.
Der Münchner Wirtschaftsprofessor Guy Katz, der sich seit längerem öffentlich gegen Antisemitismus engagiert, wirft der Universität vor, trotz vorheriger Hinweise aus studentischen Kreisen und einem Netzwerk jüdischer Hochschullehrender nicht reagiert zu haben. Er spricht von einem strukturellen Problem im Umgang staatlicher Hochschulen mit Akteuren, die aus seiner Sicht extremistischen Positionen eine Plattform verschafften.
Nach Angaben einer Sprecherin sei der Aktionstag ordnungsgemäß verlaufen, zudem habe es keine rechtliche Grundlage für ein Eingreifen gegeben. Der verantwortliche Ethnologie-Professor Magnus Treiber erklärte, „Palästina spricht“ sei nicht als offizieller Mitveranstalter eingeladen gewesen und sei im Programm nicht vorgesehen gewesen. Die Universität geht derzeit davon aus, dass die entsprechende Kennzeichnung an der Stellwand ohne institutionelle Autorisierung angebracht wurde.
Gleichzeitig betont die LMU, sich klar von jeder Form des Antisemitismus zu distanzieren. In ihrer Stellungnahme weist die Universität den Eindruck zurück, politische Positionierungen oder externe Gruppen bewusst eingebunden zu haben, und verweist auf laufende interne Klärungen.
Der Fall hat inzwischen auch die bayerische Landespolitik erreicht. Der Antisemitismusbeauftragte der Staatsregierung, Ludwig Spaenle, hat die Universität um eine offizielle Stellungnahme gebeten und will sich sowohl an die Universitätsleitung als auch an den internen Antisemitismusbeauftragten wenden.
In sozialen Medien hat der Vorfall eine breite, teils scharf geführte Debatte ausgelöst, die weniger den konkreten Ablauf als vielmehr den grundsätzlichen Umgang deutscher Hochschulen mit Antisemitismus und politischer Sensibilität in den Fokus rückt.
Kritiker aus dem Umfeld jüdischer Studierendenverbände und zivilgesellschaftlicher Organisationen werfen der LMU vor, wiederholt Räume für Akteure bereitzustellen, deren Positionen zumindest als Delegitimierung Israels wahrgenommen werden, und dabei auf formale Verfahrensargumente zu verweisen, anstatt frühzeitig inhaltliche Grenzen zu ziehen.
Die Hochschule bewegt sich damit in einem Spannungsfeld zwischen akademischer Offenheit und der Erwartung, bei Hinweisen auf mögliche antisemitische Narrative klarer und schneller zu reagieren – ein Vorwurf, der sich in ähnlicher Form bereits bei früheren Veranstaltungen auf dem Campus wiederholt hatte.