Nach einer angekündigten Aktion von “Uni for Palestine München” bekräftigt die Hochschulleitung ihre Verantwortung für den Schutz jüdischer Studierender und Forschender. Sicherheitsbehörden verweisen auf Überschneidungen mit vom Verfassungsschutz beobachteten Strukturen.

Die Ludwig-Maximilians-Universität München hat sich am Donnerstag klar gegen antisemitische Aktivitäten auf ihrem Campus positioniert. Anlass war eine für denselben Tag angekündigte Aktion der Gruppierung Uni for Palestine München. Sie wollte nach eigener Ankündigung ein Gebäude der Universität besetzen und dort eigene politische Regeln durchsetzen.
Die Hochschulleitung erklärte, sie erwarte bei dieser Aktion einen konfrontativen Aktivismus. Er richte sich explizit gegen Forschende, Lehrende und Studierende mit einem tatsächlichen oder vermuteten Bezug zu Israel. Die LMU stellte klar, dass sie ein Ort der offenen und auch kontroversen Auseinandersetzung sei. Sie könne jedoch nicht hinnehmen, dass jüdische Lehrende und Studierende den Campus nicht mehr als sicheren Ort erleben. Das gelte auch für Personen mit Israelbezug und für unbeteiligte Mitglieder der Universität.
Die Hochschulleitung forderte die Veranstalter auf, keine Liegenschaften der LMU zu betreten. Der Universitätsfrieden dürfe nicht gestört werden. Für den Fall antisemitischer Äußerungen oder Handlungen kündigte sie an, sofort einzuschreiten. Konsequenzen würden folgen. Die zuständigen Sicherheitsbehörden seien informiert.
Bayerischer Verfassungsschutz sieht Verbindungen zu extremistischen Strukturen
Nach Einschätzung der Sicherheitsbehörden gibt es bei den Organisatoren personelle Überschneidungen. Sie bestehen zu Gruppen, die vom Bayerischen Landesamt für Verfassungsschutz beobachtet werden. Der Name “Uni for Palestine” ist dabei kein Einzelfall. Unter diesem Label war bereits im Januar 2025 eine nicht genehmigte Kundgebung eskaliert, an der benachbarten Technischen Universität München.
Damals erhielten 30 Teilnehmende Anzeigen wegen Hausfriedensbruchs. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelte zudem wegen eines Anfangsverdachts. Er betraf die Verwendung von Kennzeichen terroristischer Organisationen. Der entstandene Sachschaden wurde auf rund 50000 Euro geschätzt. Dieselben Aktivisten hatten laut Berichten bayerischer Medien schon zuvor ein Protestcamp organisiert, im Frühjahr davor, direkt vor der LMU.
Zum engeren Umfeld zählt nach Einschätzung des Verfassungsschutzes auch die Gruppe Palästina Spricht München. Sie steht laut dem bayerischen Verfassungsschutzbericht der internationalen BDS Bewegung nahe. Das ist ein Zusammenschluss von mehr als 170 Organisationen, der zum Boykott israelischer Institutionen aufruft.
Nach Erkenntnissen der Behörde traten Aktivisten der Gruppe bereits vor dem 7. Oktober 2023 in Erscheinung, mit extremistischen Äußerungen in sozialen Medien. Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel hat die Gruppierung in Bayern spürbar an Bedeutung gewonnen. Das zeigt sich auch an einer Zunahme öffentlicher Veranstaltungen. Der Verfassungsschutz dokumentiert zudem wiederkehrende verschwörungsideologische Aussagen aus diesem Umfeld. Dazu zählt etwa die Behauptung, Politik und Medien seien zionistisch gesteuert und deshalb nicht vertrauenswürdig.
Antisemitische Vorfälle in Deutschland erreichen weiterhin Höchststand
Der Vorfall an der LMU reiht sich in eine Entwicklung ein, die sich auch bundesweit in Zahlen zeigt. Nach dem aktuellen Jahresbericht des Bundesverbands der Recherche und Informationsstellen Antisemitismus, kurz RIAS, wurden 2025 in Deutschland 8725 antisemitische Vorfälle registriert. Im Jahr zuvor waren es 8713 Fälle. Gegenüber 2022, als RIAS noch 2610 Fälle zählte, hat sich die Zahl damit mehr als verdreifacht. Im Schnitt kommt es demnach zu 24 Vorfällen pro Tag. Rund zwei Drittel aller erfassten Fälle stehen im Zusammenhang mit israelbezogenem Antisemitismus. Als Auslöser für den drastischen Anstieg seit 2023 nennt RIAS durchgängig den Hamas Überfall vom 7. Oktober jenes Jahres. Auch an Bildungseinrichtungen ist die Zahl der gemeldeten Vorfälle seither deutlich gestiegen.
Diese Zahlen erklären, warum deutsche Sicherheitsbehörden und Hochschulen bei Fällen wie dem an der LMU besonders genau hinschauen. Deutschland trägt aufgrund seiner Geschichte eine im internationalen Vergleich besondere Verantwortung. Sie besteht darin, antisemitische Entwicklungen früh zu erkennen und ihnen entschieden entgegenzutreten.
Universitäten müssen Orte freier Forschung und offenen Austauschs bleiben. Das gelingt nur, wenn alle Mitglieder der Hochschule ohne Angst am akademischen Leben teilnehmen können, unabhängig von Religion, Herkunft oder persönlichem Hintergrund. Genau das begründet, warum die LMU den Schutz ihrer jüdischen Mitglieder als Kernaufgabe behandelt. Er ist keine politische Verhandlungsmasse.
Wo legitime Kritik endet und Diskriminierung beginnt
Kritik an einzelnen politischen oder militärischen Entscheidungen der israelischen Regierung ist eine legitime Meinung. Etwas grundlegend anderes ist es, wenn jüdische Menschen als Kollektiv für diese Entscheidungen verantwortlich gemacht werden. Ebenso problematisch ist es, wenn Personen allein wegen eines vermuteten Bezugs zu Israel aus akademischen und öffentlichen Räumen verdrängt werden sollen.
Wenn alle jüdischen Menschen mit der Politik der israelischen Regierung gleichgesetzt werden, ist das keine legitime Kritik mehr. Dasselbe gilt, wenn jüdische Selbstbestimmung grundsätzlich infrage gestellt wird. Und es gilt, wenn der Ausschluss von Personen wegen ihrer vermuteten politischen Zugehörigkeit gefordert wird. In all diesen Fällen handelt es sich nicht um politischen Aktivismus. Es handelt sich um Diskriminierung.
Moderner Antisemitismus zeigt sich heute selten mit offen judenfeindlichen Symbolen. Er verbirgt sich stattdessen häufig hinter politischen Begriffen und internationalen Konflikten. Das macht ihn nicht weniger gefährlich, sondern schwerer zu erkennen. Der RIAS Jahresbericht 2025 hält dazu fest, dass sich mehr als die Hälfte aller Vorfälle keiner einzelnen ideologischen Kategorie eindeutig zuordnen lässt. Das Feindbild Zionismus spielt dabei eine zentrale Rolle, in der Begründung antisemitischer Vorfälle.
Mit ihrer Stellungnahme hat die LMU genau diese Trennlinie gezogen. Es geht nicht um unterschiedliche Positionen im Nahostkonflikt. Es geht um die Grenze zwischen legitimer Debatte und dem Versuch, jüdische und Personen mit Israelbezug vom eigenen Campus zu verdrängen.