Recherchen des Handelsblatts zu der Luft und Raumfahrtkonferenz ICASSE lösen scharfe Kritik von Union und Grünen aus. Die Universität verteidigt den zivilen Charakter ihrer Projekte, während der bayerische Verfassungsschutz vor gezielter Spionage in der Luft und Raumfahrtforschung warnt.

Die Technische Universität München genießt seit Jahren den Ruf einer der renommiertesten Forschungsuniversitäten Europas. In Bereichen wie Luft und Raumfahrt, Robotik, Künstliche Intelligenz und autonomes Fliegen zählt sie international zur Spitze. Gerade diese wissenschaftliche Stärke führt jedoch dazu, dass die Hochschule inzwischen weit über den klassischen Wissenschaftsbetrieb hinaus Aufmerksamkeit erhält.
Die jüngste Debatte wurde durch Recherchen des Handelsblatts ausgelöst. Demnach treffen Drohnenforscher der TU München regelmäßig auf der internationalen Luft und Raumfahrtkonferenz ICASSE mit Wissenschaftlern aus China und Russland zusammen. Zuletzt geschah dies erst vor wenigen Tagen bei der Ausgabe ICASSE 2026 in Hongkong.
Die Konferenzreihe wurde 2017 von der Shanghai Jiao Tong University ins Leben gerufen, einer der angesehensten technischen Universitäten Chinas mit langer Tradition in der Luft und Raumfahrtforschung. Die vorangegangene Ausgabe ICASSE 2025 wurde unter anderem vom Asia Campus der TU München mitausgerichtet, zu den Unterstützern zählten das russische Moscow Aviation Institute, eine Tochtergesellschaft des chinesischen Flugzeugbauers COMAC sowie die kanadische University of Toronto.
Auf der Konferenz werden nach Recherchen des Handelsblatts regelmäßig Ergebnisse zu Drohnen, autonomen Flugsystemen, Satellitennavigation, Hyperschalltechnologien, Triebwerken und Künstlicher Intelligenz vorgestellt, Themenfelder mit einem in der Fachwelt unbestrittenen Dual Use Potenzial.
Scharfe Kritik aus Union und Grünen
Die Recherchen lösten umgehend politische Reaktionen aus. Der stellvertretende Unionsfraktionsvorsitzende Norbert Röttgen warf den beteiligten Wissenschaftlern grobe Fahrlässigkeit vor. China und Russland würden längst nicht mehr zwischen zivil und militärisch nutzbaren Technologien unterscheiden, jeder Wissensaustausch mit diesen Ländern sei damit faktisch auch eine Unterstützung ihrer Rüstungsindustrien, sagte Röttgen dem Handelsblatt.
Konstantin von Notz, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen und stellvertretender Vorsitzender des Parlamentarischen Kontrollgremiums, bezeichnete die fortgesetzte Forschungszusammenarbeit im Drohnenbereich als erschreckend blauäugig angesichts des russischen Angriffskrieges und der chinesischen Unterstützung für Moskau.
Warnung einer Sicherheitsberatung vor nachrichtendienstlichen Schwachstellen
Auch aus der Sicherheitsberatungsbranche kommt deutliche Kritik. Jennifer Hanley Giersch, Managing Partner der Beratung Berlin Risk, warnte Unternehmen davor, ohne sorgfältige Risikoprüfung mit der TU München zusammenzuarbeiten. Es bestehe eine nachrichtendienstliche Schwachstelle, deren sich Partner aus dem Verteidigungssektor bewusst sein müssten, sagte sie dem Handelsblatt. Aus ihrer Sicht entscheidet heute nicht mehr allein der Inhalt einzelner Forschungsprojekte über das Risiko, sondern die Gesamtheit institutioneller Beziehungen. Gerade in Bereichen wie autonomen Fluggeräten, Sensorik, Künstlicher Intelligenz oder Navigation könne bereits wissenschaftliches Grundlagenwissen erhebliche militärische Bedeutung erlangen.
Die TU München weist sämtliche Vorwürfe zurück, sicherheitsrelevante Forschung an chinesische oder russische Partner weiterzugeben. Nach Angaben der Universität hätten sämtliche Projekte ausschließlich zivilen Charakter, auch die im Frühjahr bekannt gegebene Kooperation im Bereich der Drohnenforschung mit der Shanghai Jiao Tong University betreffe ausschließlich wissenschaftliche Fragestellungen ohne militärischen Bezug. Die Universität betont zudem, dass sämtliche internationalen Kooperationen den deutschen und europäischen Exportkontrollvorschriften unterliegen und regelmäßig überprüft würden.
Der bayerische Verfassungsschutz warnt vor gezielter Spionage
Das zuständige bayerische Landesamt für Verfassungsschutz bestätigte gegenüber dem Handelsblatt, dass wichtige Forschungsbereiche im Freistaat zunehmend Ziel ausländischer Nachrichtendienste würden, besonders betroffen seien Luft und Raumfahrt, Künstliche Intelligenz sowie Drohnentechnologie. Die bayerische Raumfahrtforschung zähle wegen ihrer engen Verknüpfung von Wissenschaft, Industrie und Start Ups zur europäischen Spitzenklasse und stelle deshalb ein besonders begehrtes Ziel für Wirtschafts und Wissenschaftsspionage dar.
Wie strukturell das Problem ist, zeigt eine Antwort der Bundesregierung auf eine parlamentarische Anfrage, über die das Rechercheportal Correctiv bereits im April 2026 berichtet hatte. Demnach liegen der Bundesregierung keine zentralen statistischen Daten zur jährlichen Zahl deutsch chinesischer Forschungskooperationen in sensiblen Bereichen seit 2016 vor, solche Kooperationen würden weder national noch international systematisch nach Sensitivitätskategorien erfasst.
Die Verantwortung für den Ausschluss problematischer Programme sieht die Bundesregierung stattdessen bei den Hochschulen selbst, die im Einzelfall eigene Risikoprüfungen vornehmen sollen. Die Grünen Forschungspolitikerin Ayşe Asar kritisierte, es fehle an Daten, an Klarheit und an Umsetzung, die im Dezember 2025 angekündigte Nationale Plattform für Forschungssicherheit sei bislang nicht umgesetzt worden.
Kein einheitliches Risiko, aber ein systemisches Problem
Fachleute mahnen zugleich zur Differenzierung. Die China-erfahrene Wirtschaftsethikerin Alicia Hennig warnte davor, alle chinesischen Hochschulen pauschal als gleich riskant einzustufen. Nicht jede Universität sei gleichermaßen in militärische Strukturen eingebunden.
Als gemeinsame Klammer diene jedoch das chinesische Geheimdienstgesetz. Dieses verpflichtet Staatsbürger des Landes seit 2017 dazu, auf Verlangen mit den Nachrichtendiensten zusammenzuarbeiten. Wann und in welchen Fällen dies tatsächlich geschieht, bleibe für ausländische Partner in der Regel intransparent. Zur Einschätzung konkreter Risiken diene internationalen Beobachtern unter anderem der China Defence Universities Tracker. Das mittlerweile kostenpflichtige Tool des australischen Thinktanks Australian Strategic Policy Institute bewertet chinesische Institute nach ihrer Nähe zu Militär, Geheimdiensten und Rüstungskonzernen.
Der Fall der TU München steht damit exemplarisch für ein Spannungsverhältnis, das weit über die einzelne Hochschule hinausreicht. Einerseits will Deutschland seine technologische Souveränität stärken und Schlüsseltechnologien verstärkt im eigenen Land entwickeln. Andererseits lebt wissenschaftlicher Fortschritt traditionell von internationaler Zusammenarbeit und offenem Austausch.
Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, die strategische Rivalität zwischen China und den westlichen Staaten sowie die wachsende Bedeutung kritischer Technologien haben Forschungssicherheit inzwischen zu einem zentralen Bestandteil deutscher Wissenschaftspolitik gemacht, ohne dass Bund und Hochschulen bislang über verlässliche gemeinsame Standards verfügen, um dieses Spannungsverhältnis systematisch aufzulösen.