
Die gegenwärtige Debatte über Antisemitismus in Deutschland leidet nicht an einem Mangel an moralischer Empörung, sondern an einem Mangel an begrifflicher Klarheit. Sie ist laut, aber oft ungenau; entschlossen im Gestus, aber unsicher in der Analyse.
Genau hier setzt der Soziologe Armin Nassehi in seinem Gespräch mit der ZEIT an – und gerade deshalb verdient seine Perspektive Zustimmung, auch wenn sie irritiert, weil sie vertraute Deutungsmuster verschiebt.
Nassehis zentrale These, dass antisemitische Denkfiguren weniger als Randphänomen einzelner politischer Milieus zu verstehen sind, sondern als Ausdruck eines gestörten gesellschaftlichen Selbstverhältnisses, trifft einen wunden Punkt der deutschen Gegenwart. Sie widerspricht der bequemen Gewohnheit, Antisemitismus primär als externes Problem zu behandeln – als importiertes, marginales oder klar abgrenzbares Extrem.
Gerade in Deutschland ist die Versuchung groß, Antisemitismus in eine Art “Zonenmodell” zu überführen: Hier die klar verortbaren Rechtsextremen, dort die problematischen migrantischen Milieus, dazwischen einige akademische oder linke Fehlentwicklungen. Dieses Raster erzeugt Ordnung, aber es verdeckt mehr, als es erklärt. Nassehi insistiert dagegen auf einem unbequemen Gedanken: dass antisemitische Muster sich historisch und ideologisch über sehr unterschiedliche Lager hinweg stabil reproduzieren, weil sie eine Funktion erfüllen – nicht weil sie identisch wären, sondern weil sie strukturell anschlussfähig sind.
Diese funktionale Perspektive ist entscheidend. Antisemitische Semantiken entstehen demnach nicht zufällig, sondern dort, wo Gesellschaften Schwierigkeiten haben, ihre eigene Komplexität auszuhalten. Wo Unsicherheit über das “eigene Selbst” entsteht, wächst die Neigung, diese Unsicherheit zu externalisieren – in Gestalt eines symbolischen Gegners, der die Widersprüche ordnet und erklärt. Diese Figur des “Juden” – historisch in extrem unterschiedlichen Kontexten konstruiert – fungiert dabei nicht als reale Beschreibung, sondern als Projektionsfläche.
Dass Nassehi in diesem Zusammenhang auf Denkfiguren bei Wagner, Marx und Schmitt verweist, ist kein historischer Exkurs, sondern eine Diagnose der Moderne selbst. In allen drei Fällen geht es um die Krise von Ordnungsvorstellungen: kulturell, ökonomisch, politisch. Der Antisemitismus erscheint hier nicht als “irrationaler Restbestand”, sondern als spezifische Form der Überforderung durch Moderne – eine Form der Komplexitätsreduktion, die sich als Kritik tarnt.
Diese Diagnose ist deshalb relevant, weil sie eine bequeme Gegenbehauptung unterläuft, die in aktuellen Debatten immer wieder aufscheint: die Vorstellung, Antisemitismus sei im Kern ein Problem der “anderen”. Genau diese Verschiebung – ob auf rechte Milieus, auf migrantische Communities oder auf akademische Diskurse – erzeugt eine rhetorische Entlastung, die den Kern des Problems verfehlt. Nassehi nennt dies implizit eine Form der “Selbstimmunisierung”: Wer Antisemitismus ausschließlich externalisiert, verhindert die Analyse seiner strukturellen Präsenz im eigenen Denken.
Besonders präzise ist seine Beobachtung, dass sich der öffentliche Diskurs über Antisemitismus zunehmend selbst stabilisiert, indem er moralische Klarheit produziert, aber analytische Grauzonen meidet. Das anti-antisemitische Bekenntnis wird dabei selbst Teil des Problems, wenn es die Komplexität des Phänomens in ein einfaches Freund-Feind-Schema überführt. Nicht, weil moralische Positionierung falsch wäre – sondern weil sie die Frage ersetzt, statt sie zu beantworten.
Die politische Konsequenz dieser Verschiebung ist erheblich. Wenn Antisemitismus primär als importiertes Problem oder als klar abgegrenzte Ideologie verstanden wird, verliert man den Blick auf seine Anschlussfähigkeit in der Mitte der Gesellschaft. Genau diese Mitte ist jedoch historisch der Ort, an dem antisemitische Deutungsmuster besonders wirksam wurden – nicht als offene Ideologie, sondern als kulturelle Kodierung von Krisenerfahrungen.
Nassehis Hinweis auf die gegenwärtige Konjunktur sogenannter “Platzanweiser”-Diskurse ist in diesem Zusammenhang besonders aufschlussreich. Immer dann, wenn gesellschaftliche Unsicherheit zunimmt, steigt die Attraktivität jener Erzählungen, die klare Zuschreibungen liefern: Wer gehört dazu, wer nicht; wer ist verantwortlich, wer schuld. Antisemitische Semantiken sind historisch besonders anschlussfähig an solche Ordnungssuchen, weil sie komplexe gesellschaftliche Prozesse auf eine personalisierte Ursache reduzieren.
Damit verschiebt sich auch der Blick auf aktuelle Konfliktlagen, etwa im Kontext des Nahostkriegs und seiner globalen Rezeption. Nassehi betont zu Recht, dass Kritik an israelischer Regierungspolitik selbstverständlich legitim ist – aber dass die Grenze zwischen politischer Kritik und der Delegitimierung eines Staates als solchen analytisch klar gezogen werden muss. Gerade diese Differenzierung geht im öffentlichen Diskurs häufig verloren, weil moralische Zuspitzung stärker wirkt als begriffliche Präzision.
Die Stärke seiner Argumentation liegt dabei nicht in einer Relativierung von Antisemitismus, sondern im Gegenteil: in seiner Entdramatisierung im analytischen Sinne. Indem er ihn nicht als isolierte Abweichung behandelt, sondern als wiederkehrendes Strukturproblem moderner Gesellschaften beschreibt, verhindert er seine banale Externalisierung. Das ist unbequem, aber notwendig.
Zugleich ist Nassehis Perspektive auch eine Warnung vor einem zweiten Fehler: der politischen Instrumentalisierung des Antisemitismusbegriffs selbst. Wenn jede Kritik oder jede Debatte sofort in moralische Kategorien überführt wird, verliert der Begriff seine analytische Schärfe. Dann entsteht genau jene Polarisierung, die den öffentlichen Diskurs weiter verhärtet und letztlich jene gesellschaftliche Selbstbeobachtung erschwert, die Nassehi fordert.
Seine Diagnose läuft letztlich auf einen paradoxen Befund hinaus: Antisemitismus ist nicht nur ein Ausdruck von Hass gegenüber einem äußeren Anderen, sondern auch ein Symptom innerer gesellschaftlicher Unsicherheit. Wer ihn bekämpfen will, muss daher nicht nur auf seine Erscheinungsformen reagieren, sondern auch auf die Bedingungen, die seine semantische Wiederkehr ermöglichen.
Das bedeutet nicht, Verantwortung zu relativieren. Im Gegenteil: Es bedeutet, sie zu erweitern. Denn eine Gesellschaft, die Antisemitismus nur dort erkennt, wo er eindeutig sichtbar und eindeutig zuordenbar ist, wird seine subtileren Formen übersehen – genau jene, die historisch oft die wirkmächtigsten waren.
In diesem Sinne ist Nassehis Beitrag weniger eine Zuspitzung als eine Korrektur. Er verschiebt die Perspektive von der moralischen Gewissheit zur analytischen Selbstbefragung. Und gerade darin liegt seine politische Relevanz.