Neue Perspektiven für eine Welt im Wandel


Apple sucht Rettung bei chinesischem Speicherhersteller: doch die Speicherkrise ist auch ein Ergebnis der eigenen Einkaufsmacht

·

Der iPhone-Konzern profitiert seit Jahren von einem aggressiven Lieferkettenmodell. Jetzt zwingt der Preisanstieg bei Halbleitern Apple dazu, neue Abhängigkeiten einzugehen.
Photo by Jimmy Jin on Unsplash

Apple steht vor einem ungewöhnlichen Dilemma: Der Konzern, der über Jahrzehnte seine enorme Marktmacht genutzt hat, um Lieferanten unter starken Preisdruck zu setzen, Um steigende Speicherchip-Preise abzufedern, versucht das Unternehmen ausgerechnet bei einem chinesischen Hersteller neue Kapazitäten zu sichern – und riskiert damit einen offenen Konflikt mit der US-Regierung.

Wie die Financial Times (FT) berichtet, bemüht sich Apple um die Zustimmung der US-Regierung, Speicherchips des chinesischen Unternehmens CXMT kaufen zu dürfen. Der Schritt soll helfen, den steigenden Kosten bei Halbleitern entgegenzuwirken – bringt Apple aber gleichzeitig in einen politischen Konflikt zwischen wirtschaftlicher Interessenlage und der US-Strategie gegen chinesische Technologieunternehmen.

CXMT steht auf einer Liste des US-Verteidigungsministeriums, die chinesische Unternehmen mit mutmaßlichen Verbindungen zur chinesischen Volksbefreiungsarmee aufführt. Ein direktes Handelsverbot bedeutet diese Einstufung zwar nicht, dennoch birgt eine Zusammenarbeit erhebliche politische Risiken. Für Apple geht es damit nicht nur um Speicherchips, sondern um die Frage, wie weit ein globaler Technologiekonzern gehen kann, wenn seine Kostenstruktur zunehmend von geopolitischen Spannungen abhängig wird.

Jahrelanges Preisdumping rächt sich jetzt

Die aktuelle Speicherkrise ist für Apple keine bloße Pechsträhne durch den KI-Boom. Sie ist zu einem großen Teil hausgemacht – das Ergebnis einer jahrelang praktizierten Einkaufspolitik, bei der Apple seine Marktmacht gnadenlos ausspielte.

Die Halbleiterbranche ist zyklisch: In Abschwungphasen bauen Hersteller wie Samsung, SK Hynix und Micron teure Fabriken, produzieren auf Vorrat und geraten unter enormen Margendruck.

Apple nutzte diese Schwäche regelmäßig aus. Als 2023 der Markt mit Überkapazitäten überschwemmt war und DRAM-Preise einbrachen, sicherte sich der iPhone-Konzern große Mengen zu besonders günstigen Konditionen. Die Lieferanten mussten die Verluste ausbaden – Apple strich die Margen ein.Diese aggressive Taktik hat Apple über Jahre hinweg Milliarden gespart, aber die Lieferanten zunehmend verärgert.

Besonders deutlich wurde das kürzlich, als Micron Technology öffentlich mit Apple abrechnete. Der US-Chiphersteller beklagte sich unverhohlen darüber, dass Apple in der Vergangenheit massiv auf Preisreduzierungen gedrängt und damit die gesamte Branche geschwächt habe. Micron-Manager kritisierten, dass große Abnehmer wie Apple die Risiken der Kapazitätsausbau auf die Hersteller abwälzen, selbst aber keine Verantwortung für eine stabile Lieferkette übernehmen wollen.

Genau dieses System führte immer wieder zu Spannungen zwischen Speicherherstellern und großen Technologiekonzernen. Während Apple als einer der weltweit größten Elektronikhersteller enorme Mengen an Speicher benötigt, trägt der Konzern nicht das gleiche Produktionsrisiko wie die Chiphersteller. Die Investitionen in Fabriken, Forschung und Produktionskapazitäten bleiben bei den Halbleiterunternehmen.

Ironie der eigenen Einkaufsmacht

Nun hat sich die Situation vollständig gedreht. Durch den weltweiten Ausbau von KI-Infrastruktur investieren große Technologieunternehmen Milliarden in Rechenzentren. Besonders leistungsfähige Speicher wie HBM (High Bandwidth Memory) sind stark gefragt. Die Kapazitäten der Hersteller werden dadurch zunehmend für KI-Anwendungen gebunden, während klassische Speicherchips für Smartphones, Tablets und Computer unter Druck geraten.

Apple spürt diese Veränderung unmittelbar. Der Konzern erhöhte zuletzt die Preise für MacBooks und iPads und verwies auf stark gestiegene Speicherpreise. Laut Financial Times führte die Entscheidung zu einem Rückgang der Marktkapitalisierung um rund 263 Milliarden US-Dollar – einem der größten Tagesverluste in der Unternehmensgeschichte von Apple.

Aus Sicht von Kritikern zeigt sich hier eine gewisse Ironie: Während Apple jahrelang von niedrigen Speicherpreisen und der starken Konkurrenz zwischen Herstellern profitierte, steht der Konzern nun vor einer Situation, in der genau diese Lieferanten weniger Spielraum haben. Die Halbleiterindustrie hat gelernt, dass niedrige Preise allein keine stabile Versorgung garantieren.

Statt die eigene Abhängigkeit früher durch langfristige Partnerschaften oder faire Preise abzusichern, setzte Apple auf maximale Kostenkontrolle – und steht jetzt vor den Konsequenzen.Als Ausweg schaut Apple nun nach China.

CXMT hat sich in den letzten Jahren zu einem ernstzunehmenden DRAM-Hersteller entwickelt und drängt in den von nur drei großen Playern (Samsung, SK Hynix, Micron) dominierten Markt. Für Apple wäre das eine willkommene zusätzliche Quelle.

Politisch ist der Schritt jedoch brandgefährlich.US-Politiker, darunter der republikanische China-Ausschuss-Vorsitzende John Moolenaar, warnten bereits scharf: Eine Zusammenarbeit mit einem Unternehmen, das auf der Militär-Liste steht, sei ein schwerer Fehler.

Apple steht jetzt vor der unangenehmen Wahl: Entweder weiterhin höhere Kosten akzeptieren und faire Preise zahlen, oder politische Risiken in China eingehen. Beides passt nicht zum jahrelang gepflegten Image des unantastbaren, alles kontrollierenden Konzerns. Sie ist die Quittung für eine Einkaufspolitik, die Lieferanten systematisch geschwächt und langfristige Stabilität der Lieferkette der kurzfristigen Gewinnmaximierung untergeordnet hat.

Unterstützen Sie unsere Arbeit!

Ihre Unterstützung ermöglicht es uns, unabhängigen Journalismus fortzuführen und fundierte Analysen zu Politik, Wirtschaft und globalen Entwicklungen frei zugänglich zu machen.

☕ Buy me a coffee

Discover more from The Meridian

Subscribe now to keep reading and get access to the full archive.

Continue reading