Neue Perspektiven für eine Welt im Wandel


USA wollen das “McDonald’s Modell” für die Raketenproduktion

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Nach den Erfahrungen aus den Kriegen in Iran und der Ukraine setzt Washington auf billige, einfache und massenhaft produzierbare Waffen – ein Wandel weg von extrem teuren Präzisionssystemen

Die US wollen ihre Rüstungsindustrie grundlegend verändern. Statt weiterhin vor allem wenige hochkomplexe und extrem teure Waffensysteme zu produzieren, setzt das Pentagon zunehmend auf eine neue Strategie: Raketen sollen künftig schneller, einfacher und in großen Mengen hergestellt werden können. Das Ziel ist eine Art „McDonald’s-Modell“ der Waffenproduktion – standardisierte Fertigung, einfache Montage und eine schnelle Skalierung im Krisenfall.

In einem unscheinbaren Gebäude im Nordosten Virginias arbeitet eine kleine Verteidigungsfirma bereits an diesem Konzept. In der Werkhalle von Co-Aspire liegen Raketen auf Werkbänken, während junge Techniker an den Systemen arbeiten. Die Produktionsstätte ist nicht als klassische Waffenfabrik mit riesigen Maschinenparks aufgebaut, sondern als flexible Montageumgebung, die im Ernstfall schnell erweitert werden könnte.

„Das ist alles darauf ausgelegt, falls wir sehr schnell hochfahren müssen“, sagte Doug Denneny, ein ehemaliger Militärangehöriger und Verantwortlicher bei Co-Aspire. Die Idee dahinter: Sollte ein großer Krieg ausbrechen, könnten solche Werkstätten in kurzer Zeit vervielfacht werden – theoretisch sogar in gewöhnlichen Gebäuden wie Sporthallen.

Ein früher RAACM-Testflugkörper von CoAspire an einer A-4 Skyhawk. Foto: CoAspire

Der Grund für den Strategiewechsel liegt in einem wachsenden Problem der US-Streitkräfte: Die vorhandenen Munitionsbestände reichen möglicherweise nicht für einen längeren Konflikt mit hoher Intensität aus. Während der Auseinandersetzungen mit Iran wurden große Mengen an Raketen eingesetzt, während die Produktion nicht schnell genug nachziehen konnte.

Besonders deutlich zeigt sich das Problem bei den bekannten US-Raketensystemen. Die USA produzieren derzeit nur rund 600 Tomahawk-Marschflugkörper pro Jahr. Ein einzelnes System kostet etwa 2,6 Millionen Dollar. Auch andere wichtige Waffen wie die Precision Strike Missile (PrSM) und die Joint Air-to-Surface Standoff Missile (JASSM) liegen mit Kosten von ungefähr 1,6 beziehungsweise 1,9 Millionen Dollar pro Stück im Millionenbereich.

Michael Horowitz, früher im Pentagon für Innovation zuständig, bringt es auf den Punkt: „Das amerikanische Arsenal basiert ausschließlich auf teuren, hochkomplexen und schwer herzustellenden Waffensystemen. Wir sind in eine neue Ära der Kriegsführung eingetreten. Die USA müssen sich anpassen.“

Der Krieg in der Ukraine hat für viele Militärplaner gezeigt, dass moderne Konflikte nicht nur durch technologische Überlegenheit entschieden werden, sondern auch durch Produktionskapazitäten. Präzisionswaffen sind zwar leistungsfähig, aber ein Gegner mit großen Mengen günstiger Drohnen und Raketen kann die Bestände eines Landes langfristig unter Druck setzen.

Die Erfahrungen aus dem Iran-Konflikt verstärkten diese Einschätzung innerhalb des Pentagons. Analysen vor Beginn des Krieges hatten bereits gezeigt, dass die USA bei einem möglichen Konflikt mit China einige wichtige Raketenreserven innerhalb weniger Wochen aufbrauchen könnten.

Deshalb entstehen derzeit zahlreiche neue Programme zur Ausweitung der Waffenproduktion. Die US-Luftwaffe beantragte Milliardeninvestitionen für die Beschaffung von Zehntausenden Raketen in den kommenden Jahren. Auch das Pentagon plant neue Programme, um große Mengen bodengestützter Raketen schneller einzukaufen.

Start-ups aus der Rüstungs- und Technologiebranche sollen dabei eine zentrale Rolle spielen. Unternehmen wie Co-Aspire oder Anduril versuchen, die traditionelle Verteidigungsindustrie mit schnelleren Entwicklungszyklen herauszufordern. Co-Aspire entwickelte nach eigenen Angaben eine neue Rakete innerhalb von nur vier Monaten und arbeitet an weiteren Systemen für das Pentagon.

Auch das junge Unternehmen Castelion verfolgt einen ähnlichen Ansatz. Die Firma plant, innerhalb von fünf Jahren mehr als 12.000 Hyperschallraketen herzustellen. Sobald die Produktionsanlagen in New Mexico vollständig laufen, sollen jährlich rund 6.000 Raketen gefertigt werden – zu deutlich niedrigeren Kosten als bei bisherigen Systemen.

„Masse zählt, Kosten zählen, Verfügbarkeit zählt“, sagte Andrew Kreitz, Mitgründer von Castelion und ehemaliger Mitarbeiter von SpaceX. Der Schlüssel sei, Waffen von Beginn an so zu entwickeln, dass sie einfach herzustellen seien. Dafür müsse die gesamte Konstruktion auf günstige und leicht verfügbare Komponenten ausgerichtet werden.

Co-Aspire nutzt beispielsweise Bauteile, die ursprünglich für Hobby-Flugzeuge entwickelt wurden. Castelion greift teilweise auf Komponenten zurück, die auch in der Automobilindustrie verwendet werden. Dadurch sollen Lieferketten stabiler und Produktionssteigerungen einfacher werden.

Nach Ansicht von Experten ist es grundsätzlich möglich, dass mehrere Hersteller bereits in Friedenszeiten Tausende Raketen pro Jahr produzieren könnten. Im Kriegsfall könnten staatliche Investitionen und größere Bestellungen die Produktion noch deutlich erhöhen.

Der Wandel betrifft nicht nur Raketen. Die USA investieren ebenfalls massiv in Drohnentechnologie. Das Pentagon plant, die Ausgaben für Drohnen und verwandte Systeme stark zu erhöhen. Dabei orientiert sich Washington auch an Entwicklungen aus dem Nahen Osten und der Ukraine, wo günstige Einwegdrohnen eine immer größere Rolle spielen.

Die neue Strategie bedeutet jedoch auch einen Abschied von der bisherigen Vorstellung maximaler technischer Perfektion. Günstigere und einfachere Waffen könnten weniger präzise oder weniger zuverlässig sein als ältere Systeme. Genau hier liegt eine Herausforderung für das Pentagon.

Tom Karako vom Center for Strategic and International Studies warnt, dass das Pentagon lernen muss, mit weniger präzisen und etwas unzuverlässigeren Waffen zu leben. „Wir bekommen keine Kapazität, wenn wir nicht zuerst den Kunden ändern“, sagt er. Die Streitkräfte müssten ihre Anforderungen realistischer gestalten.

Ein weiterer Vorteil der einfacheren Systeme: Neue Soldaten können schneller damit umgehen. John Ferrari, ehemaliger Kommandeur des White Sands Missile Range, betont: „Die Bedienung muss intuitiv sein. Die Software sollte sich anfühlen wie ein iPhone.

“Ob sich dieses neue Produktionsmodell wirklich durchsetzt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Klar ist aber bereits jetzt: Die alten Zeiten, in denen man sich auf wenige, extrem teure Wunderwaffen verlassen konnte, sind vorbei.

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