Eine neue IISS Analyse deutet auf eine koordinierte Aufklärungskampagne gegen NATO Staaten hin. Nicht einzelne Drohnenflüge stehen im Mittelpunkt, sondern die systematische Vermessung militärischer Reaktionsfähigkeit und rechtlicher Schwachstellen.
Die Londoner Denkfabrik kommt in ihrer Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Russland zwischen August 2024 und Februar 2026 hinter mindestens 144 verdächtigen Drohnenflügen stecken dürfte – betroffen sind dreizehn NATO-Staaten sowie Irland. Dabei ging es den Akteuren offenbar nicht darum, Brücken oder Gebäude direkt zu zerstören. Das eigentliche Ziel war es wohl, die europäische Luftverteidigung und die militärischen Kommandostrukturen systematisch auszuspähen.

Die Studie beschreibt eine Form hybrider Kriegführung, die bewusst unterhalb der Schwelle eines offenen militärischen Konflikts bleibt. Jede einzelne Drohnenmission verursacht nur begrenzte Auswirkungen. Erst die Gesamtheit der Vorfälle lässt ein strategisches Muster erkennen.
Die Autoren der Studie zeigen auf, wie die russischen Geheimdienste vorgingen: Sie testeten gezielt aus, wie schnell westliche Streitkräfte reagieren, wie sie kommunizieren und wie die Entscheidungswege ablaufen – und zwar so subtil, dass die NATO keinen Grund für einen kollektiven militärischen Gegenschlag hatte. Dass eine gemeinsame Antwort des Bündnisses ausblieb, verbucht der Bericht sogar als den wohl größten strategischen Erfolg dieser Operation.
Wie flächendeckend diese Taktik ist, zeigt ein Blick auf die Landkarte. Die Drohnen tauchten fast überall auf: nahe britischer Airbases, über dem französischen U-Boot-Stützpunkt Île Longue, an Militärobjekten in Deutschland, Belgien und den Niederlanden sowie rund um zivile Airports. Im September 2025 legte ein solcher Vorfall sogar zeitweise den Flughafen Kopenhagen lahm.
Wenige Monate später stiegen niederländische Kampfflugzeuge auf, nachdem Drohnen über dem Luftwaffenstützpunkt Volkel gesichtet worden waren. Solche Ereignisse verursachen zwar nur begrenzte materielle Schäden, binden jedoch Personal, erzeugen wirtschaftliche Kosten und belasten dauerhaft die militärische Einsatzbereitschaft.
Von besonderem Interesse ist die Vermutung, dass russische Schiffe der sogenannten Schattenflotte als mobile Start- oder Relaisplattformen genutzt wurden. Die IISS-Auswertung zeigt, dass sich bei zahlreichen Vorfällen russische Tanker oder andere Handelsschiffe in unmittelbarer Nähe befanden. Frankreich kontrollierte im Jahr 2025 sogar einen Tanker, der im Verdacht stand, Drohnen gestartet zu haben.

Öffentliche Beweise wurden jedoch nicht veröffentlicht. Da keine der mutmaßlich von See gestarteten Drohnen geborgen werden konnte, bleibt eine gerichtsfeste Zuschreibung schwierig. Nachrichtendienstlich entsteht dennoch ein konsistentes Bild, weil sich Schiffsbewegungen und Drohnenaktivitäten wiederholt überschneiden.
Militärisch bedeutsam ist weniger die eingesetzte Drohnentechnik als ihre Funktion innerhalb eines größeren Aufklärungskonzepts. Die Untersuchung nennt vier zentrale Ziele: die Beobachtung nuklearer Abschreckungsstrukturen der NATO, die Erprobung alliierter Reaktionsmechanismen, die Kartierung logistischer Versorgungslinien sowie die Erzeugung wirtschaftlichen und psychologischen Drucks auf europäische Gesellschaften. Diese Zielsetzung deckt sich mit früheren Analysen des IISS, wonach Russland zunehmend auf Maßnahmen setzt, die klassische Sabotage, Cyberoperationen, elektronische Kampfführung und verdeckte Aufklärung miteinander verbinden.
Die Ereignisse legen zugleich strukturelle Defizite der europäischen Luftverteidigung offen. Während viele NATO-Staaten ihre Fähigkeiten seit Beginn des russischen Großangriffs auf die Ukraine erheblich ausgebaut haben, orientieren sich zahlreiche Systeme weiterhin an der Abwehr bemannter Flugzeuge, Marschflugkörper oder ballistischer Raketen. Kleine, langsam fliegende Drohnen mit geringer Radarsignatur stellen völlig andere Anforderungen. Sie bewegen sich häufig im Grenzbereich ziviler Flugkorridore oder über dicht besiedelten Gebieten, wo rechtliche Vorgaben einen Abschuss erschweren oder sogar ausschließen. Die Folge ist ein Spannungsverhältnis zwischen militärischer Notwendigkeit und zivilem Sicherheitsrecht.
Diese Problematik betrifft nicht allein die technische Ausstattung. Ebenso entscheidend sind die unterschiedlichen nationalen Zuständigkeiten innerhalb Europas. Polizeibehörden, Luftfahrtaufsicht, Nachrichtendienste und Streitkräfte verfügen oftmals über getrennte Entscheidungsstrukturen. Grenzüberschreitende Vorfälle erfordern daher politische Abstimmungen, die wertvolle Zeit kosten können. Die IISS-Studie argumentiert, dass Russland genau diese institutionellen Bruchstellen ausnutzt und dadurch Erkenntnisse gewinnt, die in einem konventionellen Konflikt militärisch verwertbar wären.
Die sicherheitspolitische Debatte innerhalb Europas hat sich deshalb in den vergangenen Monaten deutlich verändert. Der Ausbau bodengebundener Kurzstrecken-Luftverteidigung, kostengünstiger Abfangdrohnen und elektronischer Gegenmaßnahmen gewinnt gegenüber klassischen Hochleistungssystemen an Bedeutung. Die von Deutschland mitgetragene European Sky Shield Initiative soll vorhandene Fähigkeitslücken schließen, während NATO-Vertreter eine erhebliche Ausweitung integrierter Luft- und Raketenabwehr fordern.
Der Krieg in der Ukraine hat gezeigt, dass preiswerte Drohnen selbst hochentwickelte Verteidigungssysteme dauerhaft binden können. Diese Erfahrung prägt inzwischen auch die Planungen für die Verteidigung des Bündnisgebiets.
Ob sämtliche registrierten Vorfälle tatsächlich unmittelbar auf russische Stellen zurückgehen, bleibt politisch und juristisch schwer nachweisbar. Der Kreml weist jede Verantwortung zurück. Aus Sicht westlicher Sicherheitsanalysten verliert diese Frage jedoch an Bedeutung, wenn über viele Monate hinweg ein konsistentes Operationsmuster entsteht. Die Kombination aus Drohnenflügen, Aktivitäten der Schattenflotte, Angriffen auf kritische Infrastruktur und anderen hybriden Maßnahmen deutet nach ihrer Einschätzung auf eine langfristig angelegte Strategie hin, die Europas Verwundbarkeit bereits in Friedenszeiten systematisch untersucht.
Der Wettbewerb zwischen Russland und der NATO findet längst nicht mehr ausschließlich an den Grenzen der Ukraine statt. Er verlagert sich zunehmend in den europäischen Luftraum, in zivile Infrastruktur und in den Bereich rechtlicher Grauzonen. Wer dort Informationen gewinnt, kann im Ernstfall militärische Entscheidungen beschleunigen, operative Schwächen gezielt ausnutzen und politische Unsicherheit erzeugen, noch bevor der erste konventionelle Angriff beginnt. Gerade darin sehen zahlreiche Sicherheitsexperten die eigentliche strategische Dimension der dokumentierten Drohnenkampagne.