Die Europäische Zentralbank pausiert bei 2,25 Prozent Einlagensatz, doch der Kampf gegen die Inflation geht weiter. Der Nahostkonflikt, steigende Energiepreise und schwaches Wachstum bestimmen den gel.

Am Donnerstag dem 23. Juli 2026 beließ die Europäische Zentralbank ihre drei Leitzinsen auf dem bisherigen Niveau. Der Einlagensatz verbleibt bei 2,25 Prozent. Der Hauptrefinanzierungssatz verharrt bei 2,40 Prozent. Der Spitzenrefinanzierungssatz beläuft sich auf 2,65 Prozent. Diese drei Sätze bilden gemeinsam den geldpolitischen Rahmen für den gesamten Euroraum. Der Einlagensatz fungiert dabei als wichtigste Referenzgröße da er bestimmt welche Verzinsung Kreditinstitute erhalten wenn sie überschüssige Mittel über Nacht bei der Notenbank anlegen.
EZB legt Zinspause ein, doch der Inflationsdruck bleibt bestehen
An den Finanzmärkten war diese Entscheidung von breiten Kreisen erwartet worden. Eine Erhebung der Nachrichtenagentur Reuters unter 74 Ökonomen welche zwischen dem 13. und 16. Juli stattfand lieferte zuvor eine einheitliche Prognose. Sämtliche befragten Experten rechneten mit einem unveränderten Einlagensatz. 52 der 74 befragten Fachleute vertraten zudem die Ansicht dass die Europäische Zentralbank im laufenden Jahr mindestens noch einmal an der Zinsschraube dreht und nannten dabei vor allem den September. Etwa 30 Prozent der Teilnehmer rechneten demgegenüber damit dass die Sätze bis zum Jahresende konstant bleiben. Derartige Umfragewerte bilden ausschließlich Erwartungen ab. Sie unterliegen ständigen Veränderungen durch neue Konjunkturdaten oder geopolitische Entwicklungen.
Der EZB Rat begründete den Schritt mit der weiterhin hohen Unsicherheit infolge des Konflikts im Nahen Osten. Die Energiepreise bewegten sich derzeit zwar nahe am Basisszenario der Juniprojektionen des Eurosystems, lägen aber deutlich über dem Niveau vor Ausbruch des Konflikts. Die volle inflationäre Wirkung des Energieschocks habe sich nach Einschätzung der Notenbank noch nicht vollständig entfaltet. Mit der heutigen Entscheidung sehe sich die EZB gut aufgestellt, um mit der durch den Konflikt verursachten Unsicherheit umzugehen. Man werde weiterhin datenabhängig und von Sitzung zu Sitzung über den geldpolitischen Kurs entscheiden. Insbesondere die Zinsentscheidungen der kommenden Monate würden sich an der Aktualisierung der Risikoeinschätzung für Inflation und Wachstum orientieren.
Die Entscheidung fiel einstimmig. Einzelne Ratsmitglieder hatten zuvor jedoch die Frage aufgeworfen, ob angesichts der jüngsten Preisentwicklung nicht bereits jetzt eine Anhebung angebracht wäre. Das lässt nach Einschätzung mehrerer Beobachter auf einen größeren Rückhalt für einen Zinsschritt im September schließen. Bei der vorherigen Sitzung am 11. Juni hatte der Rat alle drei Sätze um jeweils 0,25 Prozentpunkte angehoben. Das war der erste Zinsschritt nach oben seit September 2023 und markierte damit eine deutliche Zäsur nach fast drei Jahren ohne Erhöhung. Die EZB hatte damals betont, sich nicht auf einen bestimmten weiteren Zinspfad festzulegen.
Energiepreise und Nahostkonflikt bringen die EZB erneut unter Druck
Bei der anschließenden Pressekonferenz erläuterte Christine Lagarde gemeinsam mit ihrem Vize Boris Vujcic die Beweggründe des Rates. Die inflationäre Wucht des Energieschocks sei noch nicht vollständig zum Tragen gekommen, sagte sie. Nur weil die Inflationsraten im Euroraum und in Deutschland zuletzt rückläufig gewesen seien, sei das kein Anlass, sich zurückzulehnen. Zugleich gab die EZB Präsidentin bei einem wichtigen Punkt Entwarnung. Der Rat beobachte bislang keine Zweitrundeneffekte, erklärte sie wörtlich, und meinte damit spürbar steigende Lohnforderungen als Reaktion auf die höheren Energiepreise.
Die Inflationsrisiken blieben nach Einschätzung der Notenbank aufwärts gerichtet, die Konjunkturrisiken dagegen abwärts gerichtet. Ein früher verwendetes Signalwort für eine ausgewogene Risikolage tauchte in der aktuellen Kommunikation nicht mehr auf, was mehrere Marktbeobachter als Hinweis auf eine vorsichtigere Grundhaltung werteten. Auf die Frage nach ihren weiteren Plänen erklärte Lagarde, sie werde bis mindestens 2027 im Amt bleiben. Ihre reguläre Amtszeit endet im Oktober 2027. Spekulationen über ein vorzeitiges Ausscheiden waren zuletzt im Zusammenhang mit der französischen Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr aufgekommen.
September Sitzung entscheidet über nächsten Zinsschritt
Für Sparerinnen und Sparer dürfte sich durch die Entscheidung kurzfristig wenig ändern. Bereits die Zinserhöhung im Juni war von vielen Banken nur teilweise an die Kunden weitergegeben worden. Eine Auswertung des Vergleichsportals Verivox zeigt, dass nach dem Juni Schritt lediglich 17 Prozent der untersuchten Banken und Sparkassen ihre Tagesgeldzinsen angehoben haben. Im Durchschnitt fielen die Anpassungen mit 0,18 Prozentpunkten gering aus. Regionale Sparkassen sowie Volks und Raiffeisenbanken zahlten dabei weiterhin spürbar niedrigere Tagesgeldzinsen als bundesweit tätige Institute.
Nach den jüngsten verfügbaren EZB Daten für Mai 2026 wurden täglich verfügbare Einlagen privater Haushalte im Euroraum im Durchschnitt mit 0,27 Prozent verzinst. Neue Einlagen mit vereinbarter Laufzeit erreichten im Schnitt 1,96 Prozent, bei Laufzeiten von bis zu einem Jahr lag der Durchschnittszins bei 1,91 Prozent. Diese Werte gelten für den gesamten Euroraum, einzelne Bankangebote können deutlich davon abweichen. Festgeldzinsen hängen zudem nicht nur vom aktuellen Leitzins ab, sondern auch davon, welches Zinsniveau Banken über die gesamte vereinbarte Laufzeit erwarten. Verschieben sich die Erwartungen für September, können sich Festgeldkonditionen daher bewegen, selbst wenn die EZB an einer Sitzung keine Änderung beschließt.
Auch bei Baufinanzierungen ist der Zusammenhang mit dem Einlagensatz nur locker. Langfristige Immobilienzinsen orientieren sich stärker an den Renditen langfristiger Anleihen und an den Zinserwartungen für die kommenden Jahre. Auch Risikoaufschläge, Eigenkapitalanforderungen der Banken, Beleihungsauslauf und die Dauer der Zinsbindung fließen in die Berechnung ein. Im Mai 2026 lag der zusammengefasste Zinssatz für neue Wohnungsbaukredite im Euroraum nach EZB Angaben bei 3,48 Prozent. Kredite mit einer Zinsbindung von mehr als zehn Jahren wurden im Schnitt mit 3,32 Prozent verzinst, bei einer Bindung von mehr als fünf bis zehn Jahren waren es 3,65 Prozent.
Ein unveränderter Leitzins bedeutet deshalb nicht automatisch unveränderte Bauzinsen. Fällt die EZB Kommunikation deutlich besorgter über die Inflation aus oder deutet sie eine weitere Straffung im September an, können sich die langfristigen Marktzinsen bereits vor der nächsten Sitzung bewegen. Umgekehrt könnten schwächere Konjunkturdaten die Zinserwartungen wieder dämpfen. Kurzfristige und variabel verzinste Kredite reagieren dabei üblicherweise stärker auf Veränderungen der Geldmarktzinsen als Verträge mit langfristig festgeschriebenem Zinssatz.
Die im Juni veröffentlichten Projektionen des Eurosystems gehen für das Jahr 2026 von einer durchschnittlichen Inflation von 3,0 Prozent aus. Für das dritte Quartal 2026 wird sogar eine Rate von 3,4 Prozent erwartet. Für 2027 rechnet die EZB mit 2,3 Prozent, für 2028 mit 2,0 Prozent und damit wieder mit dem mittelfristigen Zielwert. Das Wachstum im Euroraum wird für 2026 auf lediglich 0,8 Prozent geschätzt. Die Notenbank hatte ihre Inflationsprognosen gegenüber der Märzprojektion wegen der höheren Energiepreise bereits nach oben angepasst.
In ungünstigeren Szenarien der Eurosystem Projektionen sackt das Wachstum auf bis zu 0,5 Prozent ab, während Investitionen schleppend verlaufen und Unternehmen über hohe Finanzierungskosten klagen. Im Mai lag die Arbeitslosenquote im Euroraum bei 6,2 Prozent, offene Stellen gingen zuletzt zurück. Der S&P Global Composite Einkaufsmanagerindex kletterte im Juli auf 51,9 Punkte, nach 50,0 Punkten im Juni. Das verarbeitende Gewerbe lieferte dabei mit 52,0 Punkten die stärkeren Werte, während der Dienstleistungssektor nur langsam vorankam.
Der Wortlaut der Notenbank macht deutlich, dass sich die aktuelle Lage fundamental von den Jahren 2022 und 2023 unterscheidet. Damals speiste sich der Preisdruck vor allem aus einer überhitzten Nachfrage nach dem Ende der Pandemie. Nun trifft ein externer Schock auf ein ohnehin schwaches Wachstum, was den Rat nach Einschätzung mehrerer Ökonomen in ein klassisches Stagflations Dilemma stürzt. Höhere Energiekosten wirken erfahrungsgemäß mit Verzögerung, weil Unternehmen ihre Mehrkosten erst nach und nach an Verbraucher weiterreichen und Beschäftigte in der Folge höhere Löhne fordern können. Genau diese Zweitrundeneffekte will die EZB verhindern, auch wenn sie nach eigener Aussage bislang nicht zu beobachten sind.
Die Finanzmärkte gingen am Tag der Beschlussfassung nach Einschätzung mehrerer Analysehäuser nahezu vollständig von einer weiteren Zinserhöhung im September aus. Analystenhäuser wie Pimco und die LBBW hatten bereits im Vorfeld eine letzte Erhöhung im September für sehr wahrscheinlich gehalten. Dabei steht ein möglicher Einlagensatz von 2,75 Prozent zum Jahresende im Raum sofern die Energiepreise auf hohem Niveau verharren.
Diese Markteinschätzung stellt jedoch keine sichere Vorhersage dar. Sie kann sich bei fallenden Energiepreisen oder schwächeren Konjunkturdaten sowie neuen Inflationszahlen jederzeit verändern. Eine verbindliche Vorfestlegung für den Monat September sprach der Rat der Europäischen Zentralbank ausdrücklich nicht aus. Der Euro und die europäischen Anleihemärkte reagierten auf die geldpolitische Entscheidung kaum weil eine Zinspause im Sommer an den Börsen bereits weitgehend eingepreist war.
Die kommenden Wochen dürften daher entscheidend darüber bestimmen wie sich die wirtschaftliche Lage weiterentwickelt. Bis zur nächsten Sitzung im September liegen neue Eurosystemprojektionen vor sowie frische Inflationsdaten für Juli und August und das Bruttoinlandsprodukt für das zweite Quartal. Der Europäische Zentralbankrat hält nach eigenen Angaben weiterhin alle geldpolitischen Instrumente bereit um flexibel auf neue Entwicklungen reagieren zu können.
Währenddessen schmelzen die Wertpapierbestände aus den Programmen APP und PEPP planmäßig weiter ab weil fällige Beträge nicht mehr reinvestiert werden. Ob aus der Sommerpause ein längeres Innehalten wird oder die Notenbank im September tatsächlich ein weiteres Mal an der Zinsschraube dreht hängt nach dem aktuellen Stand vor allem von der Entwicklung der Energiepreise und den kommenden Teuerungsdaten ab. Für Christine Lagarde und ihre Kolleginnen sowie Kollegen im Gremium bleibt die Aufgabe damit anspruchsvoll. Sie müssen die Preisstabilität im Blick behalten ohne die ohnehin schwache Konjunktur im Euroraum zusätzlich abzuwürgen.