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USA starten Europe Posture Review: NATO 3.0 verändert die amerikanische Militärpräsenz in Europa

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Das amerikanische Kriegsministerium hat die angekündigte Überprüfung seiner Militärpräsenz in Europa formal gestartet. Nach einer Einordnung der Fakten zeigt die Analyse britischer und polnischer Sicherheitsforscher, warum die Trennung zwischen konventioneller und nuklearer Abschreckung schwerer durchzuhalten sein dürfte als von Washington behauptet.

Die USA haben am 28. Juli 2026 offiziell die Überprüfung ihrer militärischen Präsenz in Europa gestartet, die sogenannte Europe Posture Review. Das teilte der Staatssekretär im amerikanischen Kriegsministerium, Elbridge Colby, am Montag auf der Plattform X mit.

Das bislang als Verteidigungsministerium bekannte Ressort trägt inzwischen offiziell den Namen Department of War. Colby erklärte, mit der Überprüfung solle sichergestellt werden, dass sich die NATO schnell und unumkehrbar zu einem Bündnis entwickle, in dem Europa die Hauptverantwortung für seine konventionelle Verteidigung übernehme. Ziel sei eine stärkere, gerechtere und tragfähigere Allianz, die ihren Charakter als schlagkräftige Kampforganisation wiedererlangen solle, formuliert unter dem Schlagwort NATO 3.0.

Die Überprüfung geht auf eine Ankündigung von Kriegsminister Pete Hegseth beim NATO Verteidigungsministertreffen im Juni in Brüssel zurück. Sie soll binnen 6 Monaten abgeschlossen sein, erste konkrete Ergebnisse zu Truppenstärken und Ausrüstung werden Anfang 2027 erwartet.

US-Kriegsminister Pete Hegseth kündigte die Überprüfung der amerikanischen Militärpräsenz in Europa an. Die sogenannte Europe Posture Review bildet einen zentralen Bestandteil der von Washington angestrebten NATO 3.0 Reform. © US Department of War / Petty Officer 2nd Class Carson Croom

Nach Angaben Colbys wird sein Ministerium dabei eng mit General Alexus Grynkewich, dem Oberbefehlshaber der NATO Streitkräfte in Europa, zusammenarbeiten und sich fortlaufend mit den europäischen Verbündeten sowie dem amerikanischen Kongress abstimmen. Die Überprüfung soll die amerikanische Militärpräsenz an die im vergangenen Herbst veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie sowie die Nationale Verteidigungsstrategie von 2026 anpassen.

USA überprüfen ihre Truppenpräsenz in Europa: NATO 3.0 verändert die Sicherheitsarchitektur

Beide Strategiepapiere geben die Richtung bereits vor. Die Nationale Sicherheitsstrategie formuliert das Ziel, dass Europa perspektivisch die Hauptverantwortung für die eigene Verteidigung übernehmen soll. Die Nationale Verteidigungsstrategie hält ergänzend fest, die Verbündeten sollten künftig selbst die Führung bei jenen Bedrohungen übernehmen, die für die Vereinigten Staaten von geringerer, für sie selbst aber von größerer Bedeutung seien, während Washington nur noch kritische, aber begrenztere Unterstützung leiste. Die Vereinigten Staaten wollen ihre Ressourcen stattdessen stärker auf den Indopazifik und die Abschreckung Chinas konzentrieren.

Konkret geprüft werden neben Truppenstärken auch Kampfflugzeuge, Tankflugzeuge, Aufklärungsdrohnen, Marineeinheiten sowie Zugangs, Stationierungs und Überflugrechte. Gerade Letztere waren in diesem Jahr bereits Streitpunkt, nachdem mehrere europäische Staaten während amerikanischer Operationen im Zusammenhang mit Iran die Nutzung eigener Einrichtungen durch die USA eingeschränkt hatten. Hegseth bezeichnete einzelne dieser Absagen öffentlich als beschämend und argumentierte, sie hätten amerikanisches Personal zusätzlichen Gefahren ausgesetzt. Mehrere Staaten an der Ostflanke reagierten sichtlich besorgt, Polen bereitet nach Medienberichten sogar einen Gesetzentwurf vor, der eine stärkere nationale Finanzierung dauerhafter amerikanischer Stützpunkte auf polnischem Boden ermöglichen soll, um deren Fortbestand abzusichern.

Besonders aufmerksam verfolgt wird die Entwicklung in Deutschland, wo derzeit rund 39000 amerikanische Soldatinnen und Soldaten stationiert sind, unter anderem in Ramstein, Grafenwöhr, Vilseck und Stuttgart. Bereits im Frühjahr hatte Washington einen möglichen Abzug mehrerer tausend Soldaten sowie den Stopp der geplanten Stationierung amerikanischer Langstreckenmarschflugkörper in Deutschland angekündigt.

RUSI und OSW analysieren die Folgen der amerikanischen Truppenreduzierung für die NATO

Zwei sicherheitspolitische Denkfabriken haben sich in den vergangenen Wochen bereits intensiv mit den absehbaren Folgen befasst, das Londoner Royal United Services Institute RUSI und das polnische Zentrum für Oststudien OSW. Beide kommen, aus unterschiedlicher Richtung kommend, zu einem ähnlich kritischen Befund, und die überzeugendere Warnung stammt dabei von RUSI.

Die RUSI Analystin Darya Dolzikova argumentiert in einer Ende Juni veröffentlichten Studie, Washington versuche zwar, seinen konventionellen und seinen nuklearen Beitrag zur europäischen Sicherheit sauber voneinander zu trennen, diese Trennung sei jedoch einigermaßen künstlich. Amerikanische Truppen in Europa erfüllten unter anderem die Funktion eines Stolperdrahtes, der ein glaubwürdiges amerikanisches Eingreifen in einen Krieg in Europa wahrscheinlicher mache, im äußersten Fall bis hin zum möglichen Einsatz amerikanischer Nuklearwaffen. Zwar sei für einen solchen Stolperdraht streng genommen keine große Bodentruppe notwendig, und der bisherige Truppenabbau in Europa sei bislang vergleichsweise begrenzt geblieben.

Doch genau diese Unschärfe macht das eigentliche Risiko der aktuellen Überprüfung aus, wird die konventionelle Präsenz zu stark reduziert, drohen strukturelle Kürzungen, die sich kaum sauber von der nuklearen Abschreckung trennen lassen, ganz gleich, wie klar amerikanische Beamte diese Trennlinie in ihren offiziellen Erklärungen ziehen wollen. Diese Einschätzung überzeugt auch deshalb, weil sie das eigentliche politische Risiko der Reform präzise benennt, nicht die Zahl der Soldaten an sich ist entscheidend, sondern die Frage, ob die verbleibende amerikanische Präsenz noch ausreicht, um im Ernstfall glaubhaft zu wirken.

Das polnische Zentrum für Oststudien beschreibt in einer Anfang Juli veröffentlichten Analyse denselben Prozess aus einer institutionellen Perspektive und prägt dafür den Begriff der Verschiebung von Burden Sharing zu Burden Shifting. Der eigentliche Kurswechsel habe bereits beim NATO Gipfel in Den Haag im Jahr 2025 begonnen, seither verlaufe die Entwicklung weg von einer ausgewogeneren Lastenteilung hin zu einer Struktur, in der die europäischen NATO Mitglieder die Hauptverantwortung für konventionelle Verteidigung und Abschreckung übernehmen.

Das Konzept NATO 3.0 berge dabei laut OSW das Risiko, in Europas Verteidigung Fähigkeitslücken zu reißen, die sich nur schwer wieder schließen ließen. Rechtlich relevant wird dabei eine in den USA festgelegte Schwelle, jede Reduzierung des amerikanischen Militär und Zivilpersonals in Europa unter 76000 Personen für einen Zeitraum von mehr als 45 Tagen verpflichtet das Pentagon zu einer Prüfung der Auswirkungen auf die nationale Sicherheit sowie zu Konsultationen mit dem Kongress, andernfalls drohen Teile des Verteidigungshaushalts blockiert zu werden. Nach OSW Angaben verstärkt sich die Unsicherheit zusätzlich durch widersprüchliche Signale und unangekündigte Entscheidungen aus Washington selbst.

Die Glaubwürdigkeit der nuklearen Abschreckung und die Grenzen der NATO 3.0 Strategie

Beide Institute beschreiben damit im Kern denselben Prozess, doch RUSI benennt das eigentliche Kernproblem schärfer, eine formal aufrechterhaltene nukleare Zusicherung verliert an Substanz, wenn ihr die konventionelle Infrastruktur entzogen wird, auf der ihre Glaubwürdigkeit tatsächlich beruht. Washingtons offizielle Sprachregelung, die nukleare Abschreckung bleibe von der Überprüfung unberührt, während nur die konventionelle Präsenz angepasst werde, überzeugt vor diesem Hintergrund kaum.

Ob die kommenden 6 Monate am Ende zu einer moderaten Anpassung einzelner Fähigkeiten führen oder zu tieferen strukturellen Einschnitten, wird sich erst zeigen. Für die europäischen NATO Staaten, und besonders für Deutschland als einen der zentralen Stationierungsstandorte, bedeutet die Europe Posture Review in jedem Fall, dass sie jene Fähigkeiten, auf die sich das Bündnis jahrzehntelang bei den Vereinigten Staaten verlassen konnte, in absehbarer Zeit selbst aufbauen müssen, und zwar unter einem Zeitdruck, den sie sich nicht ausgesucht haben.

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