Neue Perspektiven für eine Welt im Wandel


Wo Menschen besonders alt werden: Was steckt hinter den “Blauen Zonen”?

·

Forscher sehen ein Zusammenspiel aus Ernährung, Bewegung, sozialem Umfeld und Genetik hinter der außergewöhnlichen Langlebigkeit in den vier klassischen Regionen.
Mediterrane Gerichte in einem Restaurant auf der griechischen Insel Ikaria. © Contaminadas / CC BY-SA 4.0

An manchen Orten der Welt erreichen ungewöhnlich viele Menschen ein Alter von 90, 100 oder sogar mehr Jahren. Blue Zones nennt man solche Regionen mittlerweile, im Deutschen Blaue Zonen. Okinawa in Japan gehört dazu, ebenso die Bergregionen Sardiniens und die griechische Insel Ikaria, dazu, auf der anderen Seite des Atlantiks, die Nicoya-Halbinsel in Costa Rica. In all diesen Regionen ist der Anteil sehr alter Menschen über längere Zeiträume hinweg auffällig hoch gewesen.

Die Vorstellung einer besonderen Zone der Langlebigkeit klingt zunächst nach einem einfachen Rezept, denn wer so lebt wie die Menschen dort, wird demnach ebenfalls alt. So einfach ist es freilich nicht, wie die wissenschaftliche Forschung zeigt. Ernährung, Bewegung, soziale Beziehungen und genetische Faktoren kommen ebenso infrage wie Klima, geografische Isolation und historische Lebensbedingungen, und einen einzelnen Grund für die außergewöhnliche Lebenserwartung gibt es bislang nicht.

Zurück reicht die Geschichte des Begriffs bis nach Sardinien. Der belgische Demograf Michel Poulain und der italienische Arzt und Statistiker Gianni Pes untersuchten dort Anfang der 2000er-Jahre die außergewöhnliche Langlebigkeit. Bei der kartografischen Markierung der untersuchten Gebiete wurde die Region blau gekennzeichnet, daraus entwickelte sich später die Bezeichnung Blue Zone.

Die wissenschaftliche Literatur unterscheidet inzwischen zwischen gut dokumentierten Regionen und bloßen Kandidaten, zu denen zeitweise auch Orte wie Loma Linda in Kalifornien gezählt wurden. Eine aktuelle Übersichtsarbeit, die die Forschung bis Anfang 2025 auswertet, bestätigt diese Unterscheidung. Gut untersucht sind demnach vor allem Sardinien, Okinawa und Nicoya, Ikaria wird ebenfalls intensiv erforscht, während andere Regionen weiterhin als Kandidaten gelten oder nicht ausreichend belegt sind.

Sardinien und die Langlebigkeit in den Bergen

Bekannt ist vor allem Sardinien. In den bergigen Gebieten der Insel wurde eine ungewöhnlich hohe Zahl sehr alter Menschen festgestellt. Traditionell lebte die Bevölkerung dort vergleichsweise abgeschieden, was die demografische Entwicklung über Generationen beeinflusst haben könnte.

Ob genetische Faktoren zur Langlebigkeit beitragen, beschäftigt die Forschung deshalb ebenfalls. Familiengeschichte und bestimmte genetische Varianten können tatsächlich mit einer höheren Lebenserwartung zusammenhängen. Untersuchungen an langlebigen Menschen zeigen unter anderem Zusammenhänge mit Genen wie FOXO3A. Daraus folgt allerdings keineswegs, dass ein einzelnes Langlebigkeitsgen für das hohe Alter verantwortlich ist.

Auch innerhalb Sardiniens ist die Situation nicht überall gleich. Gerade die geografische Konzentration der außergewöhnlichen Langlebigkeit macht die Region für die Forschung interessant, denn bestimmte Gemeinden erreichen deutlich häufiger ein hohes Alter als benachbarte Gebiete.

Eine Untersuchung sardischer Hochbetagter fand zudem Zusammenhänge zwischen Lebenszufriedenheit, körperlicher Gesundheit und Aktivitäten im Freien. Häufig berichteten die untersuchten Menschen mit hohem Alter von einem aktiven Lebensstil und einer Ernährung, die mit traditionellen lokalen Gewohnheiten verbunden war.

Okinawa und eine Tradition im Wandel

Schon lange vor dem heutigen Boom der Blue Zones war Okinawa für seine außergewöhnliche Lebenserwartung bekannt. Die traditionelle Ernährung der Insel unterschied sich deutlich von einer westlichen Ernährung. Gemüse, Süßkartoffeln und andere pflanzliche Lebensmittel spielten eine große Rolle. Fleisch wurde traditionell nur in geringeren Mengen gegessen.

Auch die Alltagsbewegung war ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Landwirtschaft, Gartenarbeit und andere körperliche Tätigkeiten sorgten dafür, dass Bewegung nicht als gesondertes Training organisiert werden musste. Wie sich der frühere Vorsprung Okinawas inzwischen verringert hat, zeigt der Abschnitt weiter unten.

Ikaria zwischen Bewegung und sozialen Bindungen

Auch die griechische Insel Ikaria gehört zu den bekanntesten Regionen mit außergewöhnlich vielen hochbetagten Menschen. Eine größere Untersuchung der Inselbewohner befasste sich unter anderem mit Lebensstil, körperlicher Aktivität, Ernährung und sozialen Beziehungen.

Die traditionelle Ernährung Ikarias ähnelt in vielen Punkten der mediterranen Ernährung. Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Getreide und Olivenöl spielen eine wichtige Rolle. Der Alltag vieler älterer Menschen ist zugleich von Bewegung geprägt, wenn auch nicht im Sinne von Sport im modernen Sinn. Bewegung entsteht durch Gehen, Gartenarbeit, Arbeiten im Haushalt oder andere alltägliche Tätigkeiten.

Auch das soziale Umfeld fällt auf. Familie und Nachbarschaft haben auf der Insel traditionell eine große Bedeutung. Häufig bleiben ältere Menschen in das gesellschaftliche Leben eingebunden, anstatt sich vollständig aus dem Alltag zurückzuziehen.

Nicoya zwischen Ernährung, Landwirtschaft und Demografie

Die Nicoya-Halbinsel in Costa Rica ist die vierte klassische Region der Blue Zones. Systematisch untersucht wurde die außergewöhnliche Langlebigkeit dort bereits Anfang der 2000er-Jahre, unter anderem anhand ausgewerteter Geburts- und Sterberegister.

Traditionell ernährten sich viele Menschen der Region von Mais, Bohnen, Gemüse und anderen lokal verfügbaren Lebensmitteln. Auch hier war körperliche Aktivität Teil des normalen Lebens, insbesondere durch Landwirtschaft und tägliche Arbeit. Wie beim Nachbarn Okinawa deuten neuere Untersuchungen allerdings darauf hin, dass sich auch der Langlebigkeitsvorteil Nicoyas verkleinert hat, wie der folgende Abschnitt zeigt.

Was Hundertjährige essen

Die Ernährung ist wahrscheinlich der bekannteste Teil der Blue-Zone-Erzählung. Einen einheitlichen Speiseplan gibt es in den verschiedenen Regionen allerdings nicht.

In Okinawa war die traditionelle Ernährung stark pflanzenorientiert. Auf Sardinien und Ikaria finden sich viele Elemente der mediterranen Ernährung. In Nicoya spielen Bohnen, Mais und andere pflanzliche Grundnahrungsmittel eine wichtige Rolle. Gemeinsam ist vielen dieser Ernährungsweisen vor allem, dass hochverarbeitete Lebensmittel traditionell keine zentrale Rolle spielten.

Vor zu einfachen Schlussfolgerungen warnt die Forschung an genau diesem Punkt. Kommt eine bestimmte Nahrung bei besonders langlebigen Menschen häufig vor, bedeutet das noch nicht, dass diese Nahrung auch die Ursache für deren hohes Alter ist. Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur Ernährung in den Blue Zones weist ausdrücklich darauf hin, dass der Zusammenhang zwischen beobachteter Ernährung und tatsächlicher Ursache der Langlebigkeit nicht einfach vorausgesetzt werden kann.

Ein auffälliges gemeinsames Merkmal vieler hochbetagter Menschen ist die körperliche Aktivität. Häufig entsteht sie allerdings nicht durch gezieltes Training, sondern durch den Alltag.

Wer bis ins hohe Alter einen Garten bewirtschaftet, zu Fuß einkauft, Tiere versorgt oder regelmäßig längere Strecken zurücklegt, bewegt sich automatisch. Das unterscheidet sich von einem Lebensstil, bei dem der größte Teil des Tages im Sitzen verbracht wird und Bewegung nur in Form eines kurzen Trainings stattfindet. Regelmäßig sehen Forschungsarbeiten zu den Blue Zones körperliche Aktivität deshalb als einen der Faktoren, die mit gesundem Altern verbunden sind.

Nicht nur der Körper, auch das soziale Umfeld spielt eine Rolle. In mehreren der untersuchten Regionen leben ältere Menschen eng mit ihren Familien oder innerhalb ihrer Gemeinschaften. Verschiedene Auswirkungen kann eine solche soziale Einbindung haben. Sie verhindert Isolation, schafft alltägliche Aufgaben und hält ältere Menschen in Kontakt mit anderen Generationen. Auch psychische Gesundheit und Lebenszufriedenheit können davon beeinflusst werden.

In der populären Beschreibung der Blue Zones firmiert dieses Element unter dem Begriff Purpose, also dem Gefühl, einen Grund zu haben, morgens aufzustehen und weiterhin gebraucht zu werden. Auch in der wissenschaftlichen Literatur wird der Zusammenhang zwischen sozialer Einbindung, psychischer Gesundheit und erfolgreichem Altern untersucht.

Zweifel an der Zuverlässigkeit mancher Daten

Komplizierter wird das Bild an dieser Stelle. Um eine Region tatsächlich als außergewöhnliche Langlebigkeitszone zu bezeichnen, muss zunächst zuverlässig festgestellt werden, wie alt die Menschen dort tatsächlich geworden sind.

Selbstverständlich klingt das, ist bei Menschen über 100 Jahren aber nicht trivial. Historische Geburtsregister können fehlen, Namen sich verändern, Altersangaben über Generationen hinweg falsch übertragen werden. Deshalb gehören die Überprüfung von Geburtsurkunden, Sterberegistern und anderen historischen Dokumenten zu den wichtigsten Schritten bei der wissenschaftlichen Bestätigung einer Blue Zone.

Bei Nicoya wurden beispielsweise die Altersangaben von 35 Hundertjährigen im Rahmen einer systematischen Untersuchung überprüft. Die Forscher kamen zu dem Ergebnis, dass eine relevante Altersüberschätzung in dieser Gruppe sehr unwahrscheinlich war. Damit gilt zugleich, nicht jeder Ort, der in populären Darstellungen als Blue Zone bezeichnet wird, erfüllt automatisch dieselben wissenschaftlichen Kriterien.

Der schwindende Vorsprung mancher Blauer Zonen

Eine Entwicklung, die dem ursprünglichen Bild der Blue Zones widerspricht, macht diesen Abschnitt besonders interessant. Sowohl Okinawa als auch Nicoya verlieren ihren früheren Vorsprung.

Für beide Regionen gibt es Hinweise darauf, dass sich die Langlebigkeitsindikatoren jüngerer Generationen stärker an die umliegende Bevölkerung angleichen. Als mögliche Erklärung gilt unter anderem die zunehmende Verbreitung westlicher Ernährungs- und Lebensgewohnheiten. Da sich die genetische Zusammensetzung der Bevölkerung innerhalb weniger Jahrzehnte nicht grundlegend verändert haben dürfte, spricht das dafür, dass Umwelt und Lebensweise eine wichtige Rolle spielen.

Damit könnte sich auch die Frage verändern, die Forscher an diese Regionen stellen. Nicht mehr nur, warum dort besonders viele Menschen sehr alt wurden, steht im Fokus. Ebenso interessant ist inzwischen, warum dieser Vorteil teilweise wieder verschwindet.

Kein einzelnes Geheimnis

Kein einzelnes Rezept für ein hundertjähriges Leben liefert die Forschung damit. Traditionell ernährten sich Menschen in den klassischen Blue Zones überwiegend von wenig verarbeiteten Lebensmitteln, bewegten sich auch im hohen Alter regelmäßig, lebten häufig in engen sozialen Netzwerken und hatten Aufgaben innerhalb ihrer Familien und Gemeinschaften. Eine Rolle können daneben auch genetische Faktoren und regionale Umweltbedingungen spielen.

Nicht bei jedem Faktor lässt sich allerdings eindeutig bestimmen, was davon tatsächlich Ursache und was lediglich Begleiterscheinung ist. Selbst bei der Ernährung warnen Forscher davor, aus Beobachtungen direkte Kausalitäten abzuleiten.

Weniger eine Anleitung zum ewigen Leben sind die Blauen Zonen deshalb als ein Forschungsfeld über die Bedingungen erfolgreichen Alterns. Langlebigkeit scheint nicht von einer einzigen Gewohnheit abzuhängen, sondern vom Zusammenspiel vieler Bedingungen, die sich mit der Zeit verändern können.

Unterstützen Sie unsere Arbeit!

Ihre Unterstützung ermöglicht es uns, unabhängigen Journalismus fortzuführen und fundierte Analysen zu Politik, Wirtschaft und globalen Entwicklungen frei zugänglich zu machen.

☕ Buy me a coffee

Discover more from The Meridian

Subscribe now to keep reading and get access to the full archive.

Continue reading