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Der Kampf um die Regale: Wie Peking die letzten unabhängigen Buchhandlungen Hongkongs zum Schweigen bringt

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Fünf Festnahmen binnen weniger Stunden, eine dritte Razzia gegen unabhängige Buchhändler in vier Monaten und der Tod einer Symbolfigur des Widerstands: Der Juli 2026 markiert einen weiteren, besonders sichtbaren Schritt in der schleichenden Auflöschung dessen, was von Hongkongs einstiger Meinungsfreiheit übrig geblieben ist. Was als Frage des Buchhandels erscheint, ist in Wahrheit eine Frage darüber, wer künftig entscheidet, welches Wissen in der Stadt noch existieren darf.

Razzia gegen die freie Publikationskultur in Hongkong: Beamte der Nationalen Sicherheitsabteilung führen Mitte Juli 2026 Ermittlungen vor einer unabhängigen Buchhandlung durch, nachdem fünf Mitarbeiter wegen mutmaßlich aufrührerischer Veröffentlichungen festgenommen wurden. Foto: @hkfp

Am Abend des 15. Juli durchsuchten Beamte der Abteilung für nationale Sicherheit der Hongkonger Polizei zwei unabhängige Buchhandlungen im Stadtteil Kowloon. Betroffen waren Have A Nice Stay im Bezirk Prince Edward und Greenfield Book Store in Mong Kok. Fünf Personen, genauer gesagt zwei Männer und drei Frauen im Alter zwischen 30 und 59 Jahren, wurden festgenommen. Der Vorwurf lautet auf eine Handlung mit aufrührerischer Absicht. Dieser Tatbestand wird seit der Verschärfung der Sicherheitsgesetzgebung erheblich variiert und kann im Falle einer Verurteilung mit mehrjährigen Haftstrafen geahndet werden.

Bemerkenswert ist der Zeitpunkt. Have A Nice Stay wurde 2022 von ehemaligen Journalisten gegründet und ist auf Literatur zu Demokratie, Autoritarismus und Gesellschaft spezialisiert. Das Geschäft hatte kurz zuvor öffentlich angekündigt, zum 30. August zu schließen. Als Gründe wurden finanzielle Schwierigkeiten und die kaum kalkulierbaren Grenzen des rechtlich noch Zulässigen genannt. Die Durchsuchung traf den Laden im buchstäblich letzten Monat seines Bestehens. Dabei wird insbesondere ein Punkt kritisch hervorgehoben. Natürlich diente das Vorgehen kaum der konkreten Gefahrenabwehr. Es ging einzig darum, ein demonstratives Exempel zu statuieren.

Drei Razzien in vier Monaten

Die Durchsuchung vom 15. Juli ist kein Einzelfall, sondern der vorläufige Höhepunkt einer Serie. Bereits im März nahm die Polizei den Inhaber und Angestellte des unabhängigen Ladens Book Punch fest. Grund dafür war unter anderem der Verkauf einer Biografie des inhaftierten Verlegers und Demokratie Aktivisten Jimmy Lai, der im vergangenen Jahr zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wurde.

Im Juni folgte eine weitere Festnahme zweier Buchhändler. Ihnen wurde neben dem Verkauf aufrührerischer Werke auch der Erhalt von Geldern ausländischer politischer Organisationen zur Last gelegt. Zudem ließ die Regierung im Juli drei Firmen aus dem Umfeld von Lais eingestellter Zeitung Apple Daily aus dem Handelsregister streichen und erklärte sie zu verbotenen Organisationen. Jeder weitere Kontakt mit ihnen gilt seither als Verstoß gegen das Sicherheitsgesetz.

Hongkongs Sicherheitschef Chris Tang wies Vorwürfe zurück, wonach die Kriterien für ein “gefährliches” Buch unklar seien. Eine offizielle Liste verbotener Titel werde es bewusst nicht geben, da sie in der Praxis wirkungslos sei. Stattdessen trage jeder Buchhändler die Verantwortung, selbst zu prüfen, ob ein Werk die nationale Sicherheit gefährde. Diese Sorgfaltspflicht verglich er sinngemäß mit der Verantwortung eines Lebensmittelhändlers, keine verdorbene oder giftige Ware zu verkaufen.

Genau in dieser bewussten Unbestimmtheit liegt nach Einschätzung von Menschenrechtsorganisationen die eigentliche Wirkung des Gesetzes: Es zwingt Verleger, Buchhändler und letztlich auch Leser dazu, sich selbst zu zensieren, weil niemand die Grenze des Erlaubten mit Sicherheit kennt.

Der Tod einer Symbolfigur

Die Razzien finden zudem in einen Monat, der für Hongkongs Buchszene von besonderer Symbolik ist. Am 2. Juli starb in Taipeh Lam Wing-kee, der Gründer der einst legendären Causeway Bay Books, im Alter von siebzig Jahren an Krebs.

Lam war 2015 mit vier Kollegen spurlos verschwunden und später in chinesischem Polizeigewahrsam wieder aufgetaucht. Sein Fall galt international als Beleg dafür, dass Peking auch außerhalb der eigenen Grenzen gegen unliebsame Verleger vorzugehen bereit war. Nach seiner Freilassung floh Lam 2019 nach Taiwan und eröffnete dort seine Buchhandlung wieder. Taiwans Präsident Lai Ching-te würdigte ihn nach seinem Tod als Mahner, dass Demokratie die Anstrengung mehrerer Generationen erfordere.

Einer von Lams damaligen Kollegen, der schwedische Staatsbürger Gui Minhai, sitzt bis heute in chinesischer Haft. Reporter ohne Grenzen forderte die schwedische Regierung erneut auf, sich für seine Freilassung einzusetzen, als Anlaß gilt ein bevorstehender Europabesuch von Chinas Außenminister Wang Yi.

Fast unbemerkt trat am 1. Juli zudem ein neues chinesisches Gesetz zur Förderung ethnischer Einheit in Kraft. Es bildet einen weiteren rechtlichen Vorwand, mit dem Peking gegen Kritiker vorgehen kann, die sich außerhalb der Volksrepublik äußern, etwa in Taiwan oder im westlichen Ausland. Damit erhöht die Neuregelung die Sorge vor einer Ausweitung der sogenannten transnationalen Repression.

Von der Autonomie zur Anpassung

Als Großbritannien Hongkong 1997 an China zurückgab, sicherte Peking der Stadt unter der Formel “Ein Land, zwei Systeme” fünfzig Jahre lang weitreichende Autonomie, Pressefreiheit und ein eigenständiges Rechtssystem zu. Die Massenproteste von 2019 gegen ein geplantes Auslieferungsgesetz markierten den Bruch: Peking wertete die Bewegung als existenzielle Bedrohung und antwortete 2020 mit einem nationalen Sicherheitsgesetz, das die Tatbestände Subversion, Sezession, Terrorismus und Kollaboration mit ausländischen Kräften drastisch ausweitete.

2024 verabschiedete Hongkongs eigenes Parlament mit Artikel 23 der Basic Law ein zusätzliches, noch schärferes Sicherheitsgesetz. Kritiker bemängeln seit Jahren, dass die bewusst vage gehaltenen Formulierungen es erlauben, nahezu jede kritische Äußerung, historische Einordnung oder wissenschaftliche Debatte unter Verdacht zu stellen.

Der Zugriff auf Buchhandlungen besitzt dabei eine über den Einzelfall hinausweisende Bedeutung. Bücher sind keine unmittelbaren politischen Handlungen, sondern Träger von Wissen, Erinnerung und gesellschaftlicher Verständigung. Dass ihr bloßer Verkauf strafrechtlich verfolgt werden kann, illustriert nach Einschätzung von Menschenrechtsgruppen, wie tief die staatliche Kontrolle inzwischen in den Alltag der Stadt hineinreicht – und wie sich das Modell Hongkongs in zentralen Bereichen dem Festland anzunähern beginnt, wo Medien, Internet und kulturelle Inhalte seit Jahrzehnten umfassend reguliert werden.

Zensur ohne sichtbares Verbot

Das entscheidend Neue an der Entwicklung ist die Indirektheit. Statt einfach Titel zu verbieten, macht das System vor allem Angst: Verlage lassen heikle Themen bleiben, Buchhandlungen räumen problematische Bücher aus ihren Regalen, Universitäten nehmen kontroverse Debatten nicht mehr auf, Journalisten passen ihre Berichterstattung an. Diese Form der Selbstzensur wirkt besonders nachhaltig, weil es keine Verbotslisten gibt. Die relevante Frage lautet in Hongkong längst nicht mehr, welches Buch verboten ist, sondern welches Buch morgen zum Problem werden könnte.

Für die internationale Gemeinschaft wirft die Entwicklung eine grundsätzlichere Frage auf. Es geht darum, ob wirtschaftliche Integration mit einem politischen System dauerhaft vereinbar bleibt, das grundlegende Informationsfreiheiten zunehmend einschränkt.

Hongkong stand lange als Beleg dafür, dass eine chinesisch geprägte Gesellschaft mit globaler Wirtschaftsanbindung und liberalen Freiräumen koexistieren kann. Die Häufung der Razzien gegen unabhängige Buchhändler im Umfang von drei Aktionen innerhalb von vier Monaten, begleitet vom Tod einer ihrer bekanntesten Symbolfiguren, deutet darauf hin, dass dieses Modell weiter erodiert.

Die Zukunft der Stadt entscheidet sich damit nicht allein in Gerichtssälen oder im Legislativrat, sondern auch in den Regalen ihrer letzten unabhängigen Buchhandlungen.

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